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LUSTDORF: Geheimnisse hinter den Mauern

Die spätgotische Kirche reizt nicht nur äusserlich. Im Innern verstecken sich mehrere Trouvaillen. Für das harmonische Glockenspiel etwa zeichnen alliierte Flugzeugbomben von 1944 verantwortlich.
Samuel Koch
Ueli Häberlin, Vizepräsident der Kirchenvorsteherschaft, und der langjährige Pfarrer Heinz Külling vor der Kirche Lustdorf. (Bild: Andrea Stalder)

Ueli Häberlin, Vizepräsident der Kirchenvorsteherschaft, und der langjährige Pfarrer Heinz Külling vor der Kirche Lustdorf. (Bild: Andrea Stalder)

Samuel Koch

samuel.koch

@thurgauerzeitung.ch

Sie bimmeln Tag für Tag hoch über dem Dorf. Sie wecken wochentags morgens um 6 Uhr und begleiten um 18 Uhr in den Feierabend. Samstags und sonntags erklingen sie vor Gottesdiensten. Vor lauter Gewohnheit dürften viele Lustdorfer das Glockenspiel ihrer Kirche nicht mehr wahrnehmen. Bei einem Blick in die Geschichtsbücher kommt aber eine spezielle Begebenheit über das Geläut zum Vorschein.

Samstag, 24. April 1948. Der langjährige Lustdorfer Pfarrer Heinz Külling ist damals 10-jährig, der heutige Vizepräsident der Kirchenvorsteherschaft, Ueli Häberlin, noch gar nicht auf der Welt. Es ist der Tag, an dem eine grosse Schar Lustdorfer feierlich der Ankunft der vier Glocken der Aarauer Giesserei Rüetschi beiwohnt. Die Einweihung samt Glockenaufzug erfolgte am 1. August während eines Festgottesdiensts. «Sie sind erklungen, die neuen Glocken, welche unsere Schuljugend vor einer Woche, unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung, in den Kirchturm hinauf- gezogen hat», schreibt die «Thurgauer Zeitung» in ihrer Ausgabe drei Tage später. Anwesend waren nicht nur Pfarrer Held, sondern auch Ehrengäste wie Alfred Kessler, der als St. Galler Regierungsrat in sein Heimatdorf zurückkehrte. Beim «harmonischen Geläut» sei den Besuchern das Ohr aufgegangen, das sich laut Zeitungsartikel «schon allzusehr an die Disharmonie unseres alten Geläutes gewöhnt hatte».

Der Kreis schliesst sich erst Jahrzehnte später

Ebenfalls aus den Nachrichten erfuhr der heute 79-jährige Heinz Külling vom nachweislich irrtümlichen Bombardement der alliierten Streitkräfte in Schaffhausen vier Jahre zuvor am 1. April 1944.Es gilt bis heute als grösster Bombenangriff in der Schweiz. Der Vater des 6-jährigen Külling arbeitete in einer städtischen Fabrik. «Wir waren sehr besorgt, bis er abends mit dem Velo nach Hause kam, weil der Bahnhof völlig zerstört war», sagt Külling. Stark beschädigt durch die amerikanischen Bomben wurde auch die Steigkirche, sodass die vier Glocken abtransportiert und zur Auffrischung zurück in die Giesserei nach Aarau befördert wurden. Die Steigkirche hoch über Schaffhausen wurde dank der finanziellen Entschädigungen aus Übersee wieder aufgebaut und erhielt neue Glocken, was Külling damals sein Götti erzählte. Erst Ende der 70er-Jahre, als Külling Pfarrer in Lustdorf wurde, sollte sich der Kreis der Geschichte über die Herkunft der Glocken schliessen. Dann sei ihm das ganze Erlebnis wieder in den Sinn gekommen. Külling blieb Lustdorf schliesslich bis 2003 treu – über ein Vierteljahrhundert lang. «Ohne die Amerikaner wären die Lustdorfer nicht im Besitz eines solch schönen Geläuts», meint Külling heute. Beim Gespräch im Hinterzimmer des Kirchenchors erzählt er aus seiner Vergangenheit, als wäre es erst gestern gewesen.

Ueli Häberlins Souvenir an 1948 prangt an seinem Auto. Schon sein Vater und Grossvater waren Kirchenpräsidenten in Lustdorf, Letzterem gehörten das Zugfahrzeug und der Brückenwagen des wertvollen Transportguts. «Ich durfte die Autonummer von damals übernehmen», sagt Häberlin. Und die Nummer werde auch in Zukunft in der Familie bleiben. Die Lustdorfer Glocken erklingen in den Tonfarben F, A, C und D. Als volles und starkes Stadtgeläut bezeichnet es Heinz Külling. «Es sind harmonische Klänge», meint Ueli Häberlin. Auf der grössten Glocke eingraviert steht: «Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.» Früher noch von Hand betätigt, steuert heute ein mechanisches Uhrwerk den Auslöser.

Klassizistische Malerei und versteckte Fresken

Ein weiteres Geheimnis versteckt sich im Innern der Kirche im Chor. Dabei handelt es sich um klassizistische Malerei von 1879, entdeckt wurde sie erst rund hundert Jahre später. Gestiftet sei die Malerei von einem Lustdorfer Offizier, der sich in französische Kriegsdienste begab. «Er war vermögend und finanzierte die Malerei, die in der Ostschweiz einzigartig ist», sagt Heinz Külling. Bei der Renovation 1980 entdeckte der Architekt die wertvolle und übermalte Malerei. Zusammen mit der Denkmalpflege sei sie wieder in ihren ursprünglichen Zustand gebracht worden. Nebst den malerischen Überresten befinden sich in der Kirchenwand zudem Fragmente von mittelalterlichen Fresken. Die Denkmalpflege hat sie konserviert, «und sie sind unter dem Verputz noch gut erhalten», meint Külling. Ob sie je wieder Tageslicht sehen, bleibt unklar. Dass die vier Glocken im Westturm bald wieder erklingen und einen schönen Klang über Lustdorf verbreiten hingegen, ist so klar wie das Amen in der Kirche.

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