Lokale Stärken gegen globales Risiko

Die regionale Wirtschaft und der Arbeitsmarkt im Kanton Thurgau können nicht ohne einen Blick auf die Ereignisse der letzten Jahre beurteilt werden. Wir sind Teil eines vernetzten, globalen Systems, das unseren Handlungsspielraum beschneidet, aber auch unsere Stärken fordert.

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Edgar Georg Sidamgrotzki ist Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons Thurgau. (Bild: Quelle)

Edgar Georg Sidamgrotzki ist Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons Thurgau. (Bild: Quelle)

Die regionale Wirtschaft und der Arbeitsmarkt im Kanton Thurgau können nicht ohne einen Blick auf die Ereignisse der letzten Jahre beurteilt werden. Wir sind Teil eines vernetzten, globalen Systems, das unseren Handlungsspielraum beschneidet, aber auch unsere Stärken fordert. Der Thurgau hat mit seiner Wirtschaft und Politik in turbulenten Zeiten vieles gut gemacht.

Wer in dieser Zeit die Wirtschaftsnachrichten konsultiert, braucht gute Nerven. Die volatilen Kennzahlen der Ökonomie, Börsen- und Devisenkurse, die Milliarden, ja Billionen der Rettungspakete versetzen uns immer wieder in Staunen oder auch Entsetzen. Seit dem Jahr 2008 ist alles anders, als es einmal war: Mit der Immobilien- und Finanzkrise setzte die USA eine weltweite Entwicklung in Gang, die in ihrer Wirkung immer noch nicht absehbar ist. Zwei altbekannte Phänomene der Ökonomie hatten ihre toxische Wirkung entfacht: das Schuldenmachen und das Wettspiel an den Finanzmärkten. In nie dagewesenen Grössenordnungen mussten im Ausland Banken und Firmen durch staatliche Rettungspakete vor dem Untergang bewahrt werden. Ein gigantisches ökonomisches Experiment begann: die Rettung der Schuldenwirtschaft mit der Bildung von neuen Schulden - Schulden mit Schulden, Gift mit Gift bekämpfen! Die Therapie aus den Staatskassen wirkte wundersam und rasch. In nie dagewesener Dynamik erholte sich die Wirtschaft und das Spiel in den Finanzmärkten. Heute zeigt sich die Toxizität der Therapie, nun in der Form der Staatsverschuldungen z.B. im EU-Raum und in den USA. Die Folge sind neue Turbulenzen an den Finanzmärkten, die Frankenstärke und ein drohender globaler Abschwung.

Der Thurgau ist gut diversifiziert

Und wir, die Schweiz, sind mitten drin und der Thurgau als Grenzkanton sogar nah dran - ob wir wollen oder nicht. Doch haben wir hierzulande und insbesondere in unserem Kanton eine relativ gute Ausgangslage für die nächste Krisenwelle. Beim momentanen Blick auf die Kennzahlen unserer thurgauischen Wirtschaft zeigt sich überraschende Stabilität. Der Thurgau ist nach wie vor gut diversifiziert. Der Anteil der Industrie und des Gewerbes macht immer noch rund 35% (CH: 25%) aus. Es bestehen keine Klumpenrisiken und eine motivierte Arbeitnehmerschaft mit qualifizierten Berufsleuten und ein bodenständiges Unternehmertum sind Erfolgsfaktoren.

Nach dem bedrohlichen Einbruch der Export- und Zulieferindustrie 2009 konnte mit dem Instrument der Kurzarbeit vieles abgefedert werden. Die Arbeitslosigkeit stieg auch in unserem Kanton zwar rasant auf bis zu 6600 Stellensuchende, liegt heute jedoch nicht zuletzt durch eine Gesetzesrevision der ALV auf dem Niveau Vollbeschäftigung (1,9%) mit noch 3850 Stellensuchenden. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind voll, und es wird wieder fleissig Überzeit gearbeitet. Die Bauwirtschaft mit immerhin rund 9,5% der Beschäftigten profitiert von einem willkommenen Zuzug in den Kanton und die Industrie und die Dienstleistungen von den qualifizierten Arbeitskräften, die darüber hinaus auch noch das Steuersubstrat erhöhen, und die attraktive Steuerpolitik des Kantons der letzten Jahre unterstützen. Sogar der Tourismus entwickelt sich, wenn man die Übernachtungen anschaut, positiv. Die Neuansiedlungen und Netto-Neugründungen von Unternehmen mit durchschnittlich 300 pro Jahr können sich ebenfalls sehen lassen. Der Thurgau ist also gut durch die Krisenzeiten gekommen.

Die Tugenden sind gefragt

Doch die nächsten Monate werden spannend. Weltweit greift die Furcht des Abschwungs um sich. Der starke Franken und die sinkenden Margen in den für uns sehr wichtigen Exportbranchen können nur begrenzt aufgefangen werden. Der Detailhandel leidet ebenso wie der Tourismus. Es ist zu befürchten, dass auch der Thurgauer Arbeitsmarkt in den nächsten Monaten die Folgen der sich anbahnenden zweiten Welle der Krise mit mehr Kurzarbeit und wieder steigenden Arbeitslosenzahlen zu spüren bekommt. Die Tugenden der Thurgauer Wirtschaft und des Arbeitsmarktes sind herausfordert: hohe Einsatzbereitschaft, Qualität, Innovation, kurze Wege zwischen Wirtschaft und Behörden sowie Offenheit und Bescheidenheit.

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