Liebe mit Handicap

Alle Menschen lieben – auch Menschen mit Behinderung. Das ist für viele ein Tabu. Sabrina und Philipp lieben einander. Sie arbeiten in der Bildungsstätte Sommeri. In einer Znünipause reden sie über ihre Beziehung, ihre Liebe und ihre Zukunft.

Michèle Vaterlaus
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Philipp Schmidhauser und Sabrina Danuser auf der Hollywoodschaukel – der Lieblingsplatz des Paares in der Bildungsstätte Sommeri. (Bild: Michèle Vaterlaus)

Philipp Schmidhauser und Sabrina Danuser auf der Hollywoodschaukel – der Lieblingsplatz des Paares in der Bildungsstätte Sommeri. (Bild: Michèle Vaterlaus)

sommeri. Sabrina und Philipp halten sich an der Hand und schauen sich verliebt an. «Bald ziehen wir zusammen», sagt Sabrina und strahlt über das ganze Gesicht. Das Paar ist seit knapp zwei Jahren zusammen. In der Bildungsstätte Sommeri haben sich die 24-Jährige und der 21-Jährige kennen- und liebengelernt. Sabrina arbeitet im Café Sommeri und Philipp ist Staplerfahrer in der Bildungsstätte. Er arbeitet am Produktionsstandort Hefenhofen. Für die Znünipause ist er extra nach Sommeri gekommen. Er und Sabrina erzählen gern von ihrer Beziehung, ihrer Liebe und ihren Zukunftsplänen.

«Philipp war für mich da, als ich ihn brauchte», sagt Sabrina und rührt in ihrer heissen Schokolade. Es war an einem Match, an dem sie mit dem Fussballclub der Bildungsstätte gespielt hat. Philipp war als Zuschauer dort. «Der Trainer hat beim Match mitgespielt und sich verletzt. Wir waren alle total geschockt», erzählt Sabrina. Der Schock steht ihr immer noch ins Gesicht geschrieben. Diesen konnte die 24-Jährige auch nicht so schnell verdauen, es ging ihr nicht gut. Philipp hat sie deshalb nach Hause begleitet. «Er hat mich getröstet.» Und ist über Nacht bei ihr geblieben. «Er hat bei mir im Bett geschlafen», sagt sie und lacht schelmisch.

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Über die Partnerschaft und Sexualität von Menschen mit Handicap wird zum Teil wild spekuliert. Die Realität ist banaler. «Der grösste Unterschied zu Nichtbehinderten ist, dass es mehr Unterstützung und Begleitung braucht. Beim Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit, Partnerschaft und Sexualität gibt es keine Unterschiede», sagt Susanne Fotheringham. Sie ist die Leiterin der Präventionsfachstelle für Beziehungen, Liebe und Sexualität und organisiert Aufklärungskurse. Sie spricht mit den Bewohnern über körperliche, emotionale und soziale Aspekte rund um das Thema Partnerschaft. Konkret geht es um Verhütung und Selbstbefriedigung, Geschlechtskrankheiten, Körperfunktionen und Intimpflege. Das Wissen wird möglichst bildhaft und anschaulich vermittelt.

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Philipp wohnt allein in Amriswil in einer 41/2-Zimmer-Wohnung. «Nicht ganz allein, ich habe noch ein Büsi», sagt er. Sabrina lebt in einer Aussenwohngruppe in Romanshorn. «Diesen Monat werde ich zu Philipp ziehen», sagt sie. Auf Probe hat sie bereist zwei Monate lang von Freitag bis Dienstag bei ihm gewohnt. «Wir haben gemeinsam geputzt, er hat gekocht, und ich habe abgewaschen», sagt Sabrina. Streit um herumliegende Socken oder Haare im Lavabo habe es keinen gegeben. «Wir haben schon auch gestritten. Aber das machen doch alle mal», sagt sie und streicht eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.

Unterstützung durch die Bildungsstätte Sommeri will Sabrina aber auch nach ihrem Einzug bei ihrem Freund in Anspruch nehmen. «Ich bin mit Zahlen nicht so gut. Ich brauche jemanden, der mir sagt, wie viel ich ausgeben darf», sagt sie.

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Susanne Fotheringham hat stets ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Bewohner. Die Fragen sind dieselben, die auch Nichtbehinderte stellen. Wir wollen verhüten – welche Möglichkeiten gibt es? Wie finde ich einen Partner? Meine Freundin ist eifersüchtig – was soll ich machen?

«Einmal ist Philipp fremdgegangen», sagt Sabrina, und ihr fröhliches Lachen verschwindet für einen kurzen Moment. «Da haben wir Schluss gemacht.» Die junge Frau macht eine Pause. «Aber es ist wichtig, dass er mir das gesagt hat und ehrlich zu mir war. Darum habe ich ihm verziehen», sagt sie. «Die andere Frau hat mich verführt», ergänzt Philipp. Etwas verlegen streicht er mit seiner Hand über sein bärtiges Kinn.

Die beiden haben viel geredet, und mittlerweile kann das Liebespaar aus Sommeri klar sagen, was es in einer Beziehung will. «Ehrlichkeit ist wichtig, sonst kann man es ja gleich sein lassen», sagt Sabrina. Ihr Freund überlegt ein bisschen und sagt: «Aber am wichtigsten ist, dass wir uns so akzeptieren, wie wir sind.»

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Susanne Fotheringham unterstützt Paare wie Sabrina und Philipp. Auch wenn ein Paar zusammenzieht. «Wir reden mit ihnen, zeigen auf, was im eigenen Haushalt auf sie zukommt, und helfen, eine Wohnung zu finden», sagt Fotheringham. Sie will Paaren so viel Selbständigkeit und Eigenverantwortung wie möglich übergeben. «Die Bewohner der Bildungsstätte sollen Erfahrungen machen können. Auch wenn das mal Liebeskummer bedeutet», sagt sie.

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Irgendwann wollen Sabrina und Philipp auch Kinder haben. «Aber noch nicht jetzt», sagt Sabrina. Sie schmunzelt und schaut ihren Freund an. «Erst müssen wir das mit der gemeinsamen Wohnung schaffen», sagt Philipp.

Damit es nicht vorzeitig Nachwuchs gibt, verhütet Sabrina. Mit einem Hormonpflaster. «Ich kann die Pille nicht nehmen, weil ich Epilepsie habe», sagt die 24-Jährige. Ihre Medikamente und die Pille könnten unangenehme Wechselwirkungen auslösen.

Die Znünipause neigt sich dem Ende zu. «Wir müssen wieder an die Arbeit», sagt Philipp. Er überlegt ein bisschen und sagt dann: «Unsere Liebe hält, bis der Tod uns scheidet. Das weiss ich.» Vor ihrem Schritt, gemeinsam in einer Wohnung zu leben, haben sie keine Angst. Skeptiker wollen sie noch überzeugen. Er gibt seiner Sabrina einen Kuss. «Bis heute abend, Schatz», sagt sie.

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