Libanon-Mayr gibt einen aus

Wäre der Fall «Carlos» ein Buch, so hiesse es wohl «Meine Lebenswanderung», geschrieben von Johann Heinrich Mayr, auch Libanon-Mayr genannt. Nicht dass der Arboner Industrielle einen persönlichen Thaibox-Trainer gehabt hätte.

David Angst
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Wäre der Fall «Carlos» ein Buch, so hiesse es wohl «Meine Lebenswanderung», geschrieben von Johann Heinrich Mayr, auch Libanon-Mayr genannt. Nicht dass der Arboner Industrielle einen persönlichen Thaibox-Trainer gehabt hätte. Aber wenn einer, den kein Mensch kennt, 170 Jahre nach seinem Tod für 400 000 Franken einen Nachruf erhält, so ist das doch auch eine Art Sondersetting.

Leider reichte das Geld nicht mehr, um das Buch auch noch so weit zu kürzen, dass man es mit einer Hand tragen kann. Es sind vier Bücher; 2336 Seiten; 16 Zentimeter Durchmesser!

Falls es im Himmel Champagner gibt, so wird Hansheiri Mayr sicher schon ein paar Flaschen aufgeworfen haben, um mit Freunden auf seinen Nachruf anzustossen. Unter ihnen sind wohl auch Thomas Bornhauser, Minister Kern und vielleicht sogar Louis Napoleon, die sich vor Libanon-Mayr ehrfurchtsvoll verneigen, weil über keinen von ihnen auch nur ein halb so dickes Buch geschrieben worden ist.

Gelesen haben es bis jetzt zwar erst fünf Personen: André Salathé, Beatrice Sendner, Alex Bänninger, Hansrudolf Frey und Claudius Graf-Schelling. Sonst fand sich leider niemand, der für drei Kilo Papier 200 Franken zahlen wollte. So beschloss man, die gesamte Auflage einem Verein zu schenken. Unter den Bewerbern war auch der TV Arbon, der die Klötze zum Steinheben hätte gebrauchen wollen. Das Rennen machte dann aber der Historische Verein des Kantons Thurgau.

Der grösste Profiteur des Buchprojekts Mayr ist aber der ehemalige Arboner Stadtammann Martin Klöti. Auf der Vernissagefoto posierte Klöti nämlich zusammen mit allen anderen Spendern. Die versprochenen 100 000 Stutz zahlte er dann aber doch nicht. Wohl selten hat ein anderer Fotobomber so freundlich lächelnd 100 000 Franken eingespart.

Wollte man bösartig sein, könnte man das auch Erschleichen einer Leistung nennen. Darin sind die Arboner gut, das haben sie diese Woche wieder einmal bewiesen. Zuerst lassen sie sich von Frauenfeld eine neue Strasse finanzieren. Aber Lastwagen wollen sie dann keine darauf fahren lassen. Oder höchstens Saurer, aber von denen gibt es nicht mehr viele.

Frauenfeld und Arbon lagen noch selten so weit auseinander wie jetzt. Schon zu Zeiten von Libanon-Mayr war das ja eine Tagesreise. Heute geht es nicht viel schneller, egal, ob man das Auto nimmt, den Zug oder das Swingerschiff. Offenbar redet man in Arbon und in Frauenfeld auch zwei unterschiedliche Sprachen, wie der Streit über die Lastwagen auf der Kantonsstrasse zeigt. Das Bundesgericht muss nun übersetzen. Es wäre deshalb Stadtammann Andreas Balg und Regierungsrat Jakob Stark zu empfehlen, ihr Frühfranzösich etwas aufzufrischen, bevor sie einander in Lausanne gegenüberstehen.

david.angst@thurgauerzeitung.ch