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LETZTE RUHE: Er nennt die Toten beim Namen

Peter Jenny ist seit zwölf Jahren Bestatter in der Region Steckborn. Er bewegt sich in einer Welt zwischen Toten und Lebenden. Seinen Beruf betrachtet er als Berufung, die nicht lernbar sei.
Hana Mauder
Bestatter Peter Jenny bei der Arbeit. (Bild: Andrea Stalder)

Bestatter Peter Jenny bei der Arbeit. (Bild: Andrea Stalder)

Es herrscht jene Art von Kälte, die bis tief in die Knochen kriecht. Der Friedhof Steckborn liegt unter einer weissen Decke. Von irgendwoher erklingt das Lied eines Wintervogels, verstummt und hinterlässt den Nachhall der Stille. Das Grab hat Bestatter Peter Jenny bereits gestern öffnen lassen. «Das macht ein Bagger», sagt er. 2,20 Meter Länge auf 85 Zentimeter Breite und 1,60 Meter Tiefe – soviel Platz braucht es für den Ort der letzten Ruhe. Die Grabstelle ist noch mit Brettern bedeckt. In einem Holzbottich steckt eine Schaufel mitten in der lockeren Erde.

Der Abschied vom Leben
Erdbestattungen sind selten geworden. «Wir zelebrieren Geburten und Hochzeiten. Aber der Abschied vom Leben verliert in unserer Gesellschaft an Bedeutung», stellt der Steckborner Bestatter fest. «97 Prozent aller Verstorbenen kommen ins Krematorium und dann ins Gemeinschaftsurnengrab.» Die Fahrten ins Krematorium in Winterthur gehören zu den Pflichten des 47-Jährigen. Dort werden die Verstorbenen in riesigen Öfen bei einer Temperatur von zwischen 850 bis 1200 Grad eingeäschert. Etwa drei Stunden braucht ein Körper, um zu verbrennen. Die Urne wird per Post an die gewünschte Adresse geliefert.

Die Erdbestattung von heute ist für Peter Jenny eine bedeutungsvolle Zeremonie. Er nimmt gleichzeitig das Amt des Friedhofwartes in Steckborn ein und sieht auch bei den Friedhöfen Mammern und Klingenzell nach dem Rechten. Zuerst betritt er den Aufbahrungsraum, der direkt an den Friedhof grenzt. Ein kleines «Seelenfenster» – ein schmales Fensterchen – steht offen. Im mit weissem Stoff ausgekleideten Sarg liegt eine tote Frau. Fast 90 Jahre alt ist sie geworden. Gekleidet ist sie in einen Rock mit Blumenmuster und eine rosarote Bluse. Die ihr im Leben so nützliche Brille sitzt noch auf ihrer Nase. «Ein Leichenhemd entstellt», ist der Bestatter überzeugt. Mit sanften Händen kontrolliert er die Position des Rosenkranzes zwischen den Fingern der verstorbenen Urgrossmutter.

Es ist nicht die Totenstarre oder die Blässe der Haut, die den Tod kennzeichnen. Es ist diese absolute Ruhe. Als würde die Welt auf den Pausenknopf drücken. Peter Jenny verwendet nie das Wort «Leiche». Er nennt die ihm anvertrauten Verstorbenen bis zuletzt mit Namen. Eine Frage des Respekts. Sorgfältig hebt er gemeinsam mit seinem Helfer Benni Büsser den Sarg auf einen Rollwagen. Der Sargdeckel wird mit kupferfarbenen Schrauben verschlossen.

Wenn die grosse Glocke schlägt
Der Schnee verschluckt die leisen Geräusche, die der Rollwagen bei der Fahrt über den Kies zum Abdankungshäuschen macht. «Das Weihwasser würde ich noch in der Wärme lassen», sagt der Bestatter der Messmerin. «Sonst ist es gefroren, bevor die Leute kommen.» Bereits tritt der erste Trauernde an den Sarg heran. Mit gesenktem Kopf steht er da und zerknüllt ein Taschentuch in der Hand. Der Friedhofswart tritt in den Technikraum der Kirche. Auf einem Bildschirm an der Wand drückt er auf ein Tastenfeld, und die grosse Glocke erklingt. Sie schlägt zwei Minuten lang zu Ehren eines erloschenen Menschenlebens. Die Trauergemeinde lauscht mit gesenkten Köpfen. Ein kleines Kind hebt fasziniert Kieselsteine vom Boden auf, versunken in seine ganz eigene Welt.

«Die Toten belasten mich nicht», sagt Peter Jenny. Das Amt des Bestatters hat er damals «ad interim» übernommen, als sein Vorgänger in den Ruhestand ging. Das ist nun schon zwölf Jahre her. Peter Jenny führt ein Dachdeckergeschäft in der Region, fällt Bäume und gilt als Problemlöser aller Art. «Ohne die Hilfe meiner Mitarbeiter ginge es gar nicht», räumt er ein. Das Telefon trägt er 24 Stunden täglich und 365 Tage im Jahr bei sich. Wenn es klingelt, muss er sofort alles stehen und liegen lassen. Der Bestattungswagen steht beim Friedhof Steckborn immer zur Abfahrt bereit. Im Inneren des Ford Transit ist vom Sarg auf einem Rollwagen bis hin zu einer Kiste mit allerlei benötigtem Material – von den Handschuhen bis zum Schutzanzug – alles eingepackt. Aus dem Kleiderschrank im Arbeitsraum entnehmen er und seine Helfer die angemessene Kleidung: Dunkle Hose, Hemd und Jacke. Aber kein Anzug oder Krawatte: «Das wäre übertrieben und passt nicht in die heutige Zeit», sagt er.

Jede Einsargung folgt ihrem eigenen Rhythmus. Jeder Todesfall ist anders. In einem Haus der Trauer ist Peter Jenny der ruhige Pol. «Ich versuche die Leute zu abzulenken. Zum Beispiel bitte ich sie darum, die passende Kleidung herauszusuchen, die wir dem Verstorbenen ankleiden sollen.» Auf Wunsch legen die Angehörigen persönliche Gegenstände in den Sarg.

Manche Tage sind schwieriger als andere
Ist die verstorbene Person angekleidet, hergerichtet und im Sarg eingebettet, verlässt der Bestatter das Zimmer, um den Angehörigen Raum und Zeit für den Abschied zu geben. Dabei schaut er nicht auf die Uhr. «Es dauert so lange, wie es dauert.» Wenn die Trauerfamilie soweit ist, lädt Peter Jenny den Sarg auf und bringt ihn in die Abdankungsalle des Friedhofs Steckborn. Dort bleiben die Toten für einige Tage, bis sie entweder ins Krematorium oder ins Grab auf dem Friedhof gebracht werden.

Manche Tage sind schwieriger als andere. In einer Region, wo man sich noch mit Namen und Gesicht kennt, ist ein Todesfall auch für den Bestatter nicht nur Arbeit, sondern ein sehr persönlicher Akt. «Die erste Person, die ich holen musste, war meine Mutter», erinnert er sich. Es ist emotional fordernd, wenn es sich um Todesfälle aus dem näheren Bekanntheitskreis handelt.

«Sehr schwer wird es, wenn junge Menschen durch Krankheiten oder Unfälle sterben und ich sie holen muss», sagt der Bestatter. Der Tod eines Kindes hinterlässt tiefe Wunden. «Es ist unbeschreiblich was Eltern durchmachen müssen.» Es gibt Momente, die bringen selbst einen Profi im Umgang mit dem Tod an seine Grenzen.

Es ist eine Frage des Aushalten-Könnens
Peter Jenny erinnert sich an einen Anruf vor einigen Tagen. Die Polizei forderte seine Dienste an. «Als wir vor dem betreffenden Haus vorfuhren, wusste ich: Das wird schlimm.» Er sollte Recht behalten. Ein Mann war vor rund drei Monaten in seiner Wohnung in einem Mehrfamilienhaus verstorben. Niemand hatte ihn vermisst. Keiner sich über den Geruch im Treppenhaus beschwert. «Der Tote war bereits mumifiziert. Die Bergung war sehr schwierig», sagt der Bestatter. Heute steht die Urne, in der die Asche des betreffenden Toten liegt, auf Peter Jennys Tisch im Arbeitsraum. In einigen Tagen werden hier Angehörige Abschied nehmen. Die Einsamkeit dieses Todes lässt ihn frösteln.

Eine leise Kälte, das gehört auch heute zu seinem Beruf. Allerdings ist diese Art von Temperatur rein physischer Natur. Peter Jenny und sein Helfer schieben den Sarg auf dem Rollwagen zur Grabstelle. Die Angehörigen nehmen Abschied, eine Schaufel Erde wird auf den Naturholzsarg geworfen, dann begeben sich die Trauergäste zum Gottesdienst in die Kirche. Der Sarg wird in die Erde herabgelassen. «Meine 22-jährige Tochter Jennifer hilft mir gelegentlich aus», sagt der fünffache Patchwork-Familienvater. «Ich sage ihr immer: Wenn du anfängst, davon zu träumen, musst du aufhören.» Mit nachdenklicher Miene schaut er zu, wie der Bagger das Grab zuschaufelt. «Dieser Beruf ist nicht lernbar», meint er. «Entweder man hält es aus – oder eben nicht.» Er schultert die Aufgabe mit einer Kraft, die er aus innerer Ruhe schöpft. Seine Familie, seine Freunde und sein Geschäft sorgen für die benötigte Balance. «Das ist kein Beruf. Es ist eine Berufung», sagt er.

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