LEITARTIKEL ZUM NEUEN BÜRGERRECHTSGESETZ: Sprachkenntnis ist ein gutes Integrationsmerkmal

"Es spricht nichts dagegen, die Kategorien des Europäischen Sprachenportfolios als Referenzgrösse zu verwenden. Und es ist auch legitim, diese ins Gesetz zu schreiben, als zentrales Merkmal der Integration." Das schreibt David Angst, Chefredaktor der Thurgauer Zeitung in seinem Leitartikel zum neuen Bürgerrechtsgesetz im Thurgau.

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Wer im Thurgau Schweizer werden will, muss sehr gute Deutschkenntnisse vorweisen. (Bild: CHRISTIAN BEUTLER (KEYSTONE)/Symbol)

Wer im Thurgau Schweizer werden will, muss sehr gute Deutschkenntnisse vorweisen. (Bild: CHRISTIAN BEUTLER (KEYSTONE)/Symbol)

Wenn es um Sprachen geht, wird es im Grossen Rat offenbar immer ganz eng. So auch diese Woche, als darüber gestritten wurde, wie gut jemand Deutsch können muss, um eingebürgert zu werden.

Der Bund gibt vor, dass sich jemand «im Alltag in Wort und Schrift in der deutschen Sprache mit den Behörden und der einheimischen Bevölkerung verständigen kann». Details überlässt er den Kantonen. Angesichts der Vielfalt der Schweiz ist das durchaus legitim. Es ist also kein Affront gegenüber den Einbürgerungswilligen, wenn der ländliche Kanton Thurgau die Messlatte etwas höher ansetzt als andere.

Wann ist jemand genug Schweizer, um eingebürgert zu werden? Darüber könnte man stundenlang streiten. Für die einen muss jemand im Edelweisshemd herumlaufen, Alphorn blasen und jodeln können. Und andererseits gibt es vielleicht Leute, welche finden, die Staatsbürgerschaft sei ganz und gar überflüssig, weil sie Ungleichheit unter den Menschen schaffe. Die eine Haltung ist ebenso wenig hilfreich wie die andere.

Wer bei uns eingebürgert werden will, darüber herrscht breiter Konsens, der muss ein paar Bedingungen erfüllen. Er darf nicht grob gegen das Recht verstossen, und er muss geordnete persönliche und finanzielle Verhältnisse aufweisen. Über seinen Integrationsgrad sagt dies noch nichts aus. Um diesen zu bestimmen, ist es sicher nicht das Dümmste, seine Sprachkenntnisse zu testen. Vieles von allem anderen, was in den Einbürgerungstests landläufig gefragt wird, ist nämlich irrelevant oder gar peinlich. Dies zeigt etwa der Fall in Buchs AG, der kürzlich in den Schlagzeilen war. Dort wurde eine Frau im ersten Anlauf unter anderem deshalb nicht eingebürgert, weil sie erstens nicht wusste, wie der Gipfel bei Engelberg heisst und zweitens angab, in der Migros einzukaufen anstatt im Dorflädeli.

Auch Sprachkenntnisse sind nicht mathematisch messbar. Aber wie soll eine Einbürgerungsbehörde überhaupt feststellen, ob jemand integriert ist, wenn sie mit ihm nicht einmal ein Gespräch führen kann? Bis dahin ist man sich im Grossen Rat weitgehend einig. Die Geister scheiden sich nun daran, wie hoch die sprachliche Hürde sein soll.

Nun ist es für eine Ärztin aus Deutschland aus naheliegendem Grund viel einfacher als für eine Putzfrau aus Serbien, den Test zu bestehen. Darauf ist in der Grossratsdebatte zu Recht hingewiesen worden, und dem ist Rechnung zu tragen. Die Putzfrau aus Serbien ist vielleicht besser integriert als die deutsche Ärztin, obwohl sie weniger gut Deutsch spricht.

Es spricht nichts dagegen, die Kategorien des Europäischen Sprachenportfolios als Referenzgrösse zu verwenden. Und es ist auch legitim, diese ins Gesetz zu schreiben, als zentrales Merkmal der Integration. Erforderlich wären gemäss Grossratsbeschluss mündliche Kompetenzen auf dem Referenzniveau B2, was etwa bedeutet, dass jemand «spontan und fliessend an einem normalen Gespräch mit einem Muttersprachler teilnehmen kann».

Daran muss sich das Prüfungsgremium orientieren. Es muss darüber hinaus auch die Situation in der Deutschschweiz berücksichtigen, mit Dialekt als Umgangssprache. Was man auf Youtube zum besagten Sprachniveau B2 findet, vermittelt jedenfalls nicht den Eindruck, dass hier etwas Übermenschliches verlangt werde.

Bei der geschriebenen Sprache sollte man grosszügiger sein – und ist es auch. Nicht wenige gebürtige Schweizer sind in Beruf und Gesellschaft bestens integriert, obwohl sie Mühe haben, fehlerfrei zu schreiben. Von einem Einbürgerungswilligen sollte man nicht viel mehr verlangen, als dass er kurze, einfache Texte lesen oder schreiben kann. Eine Doktorarbeit in Literatur muss er nicht abliefern.

David Angst
david.angst@thurgauerzeitung.ch