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LEIDENSCHAFT: Er stickt auch Heiligenbildchen

Sein Wirken ist eng mit der Stickerei verzwirnt: Erwin Tobler aus Götighofen produziert St. Galler Stickereien auf historischen Maschinen. Er ist zwar bereits im Ruhestand. Aber sein Beruf zieht sich weiter als roter Faden durch sein Leben.
Hana Mauder
Erwin Tobler mit einer Lochkarte in seiner Werkhalle in Götighofen. Hier sticken historische Maschinen künftige Kunstwerke. (Bild: Helio Hickl)

Erwin Tobler mit einer Lochkarte in seiner Werkhalle in Götighofen. Hier sticken historische Maschinen künftige Kunstwerke. (Bild: Helio Hickl)

Hana Mauder

redaktion@thurgauerzeitung.ch

Das Klappern der Stickmaschinen hallt durch die Werkhalle. Mit Kraft und Präzision gleiten 680 Nadeln über die genau elf Yards langen Tuchbahnen. Die historischen Schifflistickmaschinen, die heute andernorts in Museen dem Vergessen trotzen, erfüllen hier in Götighofen nach wie vor ihr fleissiges Tagwerk. Nicht jeden Tag. Denn ihr Besitzer ist mittlerweile pensioniert. Aber die Faszination für St. Galler Stickereien und geschichtsträchtige Maschinen lässt Erwin Tobler nicht los. An die 1000 Stickmotive hat er im Laufe von 30 Geschäftsjähren ent­wickelt und auf Lochkartenstreifen festgehalten. Dabei handelt es sich – vereinfacht formuliert – um Vorläufer der heute üblichen digitalen Steuerprogramme für Stickmaschinen. Feinsäuberlich sortiert liegen sie in Holzregalen unter den hohen Fensterfronten verstaut.

Plaketten für die Rosenwoche

Mit einem Geräusch, wie wenn der Wind ein Segel bauscht, treiben die Maschinen Nadeln und Faden durchs Gewebe. Der Stickereifachmann hat alle Hände voll zu tun. Mit geübtem Auge überwacht Erwin Tobler die Spulen und justiert den Pantographen. Dieses Gerät sieht auf den ersten Blick aus wie ein simpler Rahmen, in den ein Stickmuster eingespannt ist. «Der Pantograph steuert die Stoffbewegung der Maschine», sagt Erwin Tobler. Dabei überträgt er das gezeichnete Muster Stich für Stich auf den Stoff. «Das in sechsfacher Verkleinerung.» Aktuell sticken die Maschinen jene Rosenplaketten, die an den Rosenwochen in Bischofszell zum Einsatz kommen.

Das Einmaleins seines Berufes hat Erwin Tobler von der Pike auf gelernt. «Die Stickerei liegt mir im Blut», meint er. Als Sohn einer Sticker-Grossfamilie aus dem Rheintal führt er die Tradition in der dritten Generation fort. «Bereits als dreijähriger Bub habe ich meiner Grossmutter beim Sticken über die Schulter geschaut.» In seiner Jugend wollte Erwin Tobler zwar lieber Spitzensportler werden, nahm aber eine Lehre als Maschinenmonteur bei Sauer Arbon an. Eine Entscheidung, die er nicht bereut. Wenn heute eine seiner historischen Stickmaschinen nicht rund läuft, kann er selbst bei den Reparaturen mit Hand anlegen. Gelernt ist gelernt.

In Bagdad hätte er die Tochter des Patrons heiraten können

Die Arbeit als Maschinenmonteur öffnete Erwin Tobler Türen in alle Welt. «Ich kam an Orte, die ich sonst nie bereist hätte», sagt er. Mit einem Schmunzeln erinnert er sich an einen Patron in Bagdad, der ihn partout nicht gehen lassen wollte – und ihm deshalb sogar die Hand seiner Tochter anbot. Aber das Herz will bekanntlich, was es will. In Erwin Toblers Fall war dies der Schritt in die berufliche Selbstständigkeit. 1979 absolvierte er die Ausbildung zum Stickermeister. Kurz ­darauf packte er eine gute Gelegenheit beim Schopf. Er kaufte in der Werkhalle an der Landstrasse 9 in Götighofen zwei Saurer-Schifflistickmaschinen mit Baujahr 1911 und nahm erste Aufträge an.

Mut zur Nische: Die Ideen gehen ihm nicht aus

Wer sich mit historischen Maschinen und ihrem vergleichsweise nicht ganz so raschen Arbeitsrhythmus auf dem Markt behaupten will, braucht den Mut zur Nische. «Die Technik und die Produktion in der Branche sind interessant», sagt der heute 65-Jährige. «Aber am meisten fasziniert mich das Tüfteln an neuen Ideen und deren Umsetzung am Markt.»

So entstanden – und entstehen noch – Produkte mit dem Leitfaden St. Galler Stickereien für ganz Europa. Erwin Tobler setzt auf die Sparten Geschenk- und Bastelartikel: Von der Grusskarte mit ­Gebäudemotiv für Geschenkeläden in Venedig bis hin zum gestickten Heiligenbild für den Vatikan – die Ideen gehen ihm bis heute nicht aus.

Das Sticken ist eine Kunst für sich. Zumindest aus der Sicht eines Laien. Das wird rasch klar, wenn man Erwin Tobler bei der Arbeit zusieht und zuhört. Ein Beispiel dafür ist die Ätzstickerei, die der Götighofer unter anderem zur Herstellung von Armbändern aus St. Galler ­Stickereien verwendet.

Sorgfältig breitet er einige Beispiele auf dem Tisch aus und erklärt: «Die Maschinen sticken das gewünschte Motiv auf Acetongewebe. Nach dem Stickvorgang löst man mit Lauge das umliegende Gewebe heraus.» Zurück bleibt nur die Spitze – und damit ein filigranes Schmuckstück.

Sticken wird zum Männerberuf

Mit der Geschichte der Stickerei ist der Stickermeister gut vertraut. Aus den Tiefen seiner Schubladen fördert er das eine oder andere historische Bijou zutage. Eine Textilrevue aus dem Jahre 1950 etwa, oder eine Stickanleitung, deren Blätter im Laufe der Jahre vergilbt sind.

Eine eigens installierte Informationswand in einem ruhigen Winkel der Werkhalle erweist sich für den Betrachter als ein Fenster durch die Zeit. Hier verweben sich lose Fäden der Textil­geschichte zu einem Gesamtbild. Sie erzählt aus wechselhaften Kapiteln: Von der Frauen-Handarbeit der Haute ­Couture um 1750, dem Aufschwung der Heimstickmaschinen, der Blütezeit der Branche um 1890 und den Wandel vom Frauen- zum Männerberuf.

«Das Sticken wurde mit der Einführung der Handstickmaschinen zum Kraftakt. Ein Sticker musste den Pantographen von Hand betätigen und dafür an die 500 Kilo Gewicht in Bewegung setzen», erklärt der 65-Jährige. Von der Handarbeit zur Mechanisierung durch die Schifflistickmaschinen – die Stickereibranche hat die Ostschweiz, das wird beim Zuhören klar, tief geprägt.

Die Blütezeit der Stickerei bescherte der Region Reichtum, Prachtbauten und Errungenschaften wie regionale Bahnen. «Sie hatte allerdings ihre Schattenseiten», erklärt Tobler weiter. «So war die Kinderarbeit an der Tagesordnung.»

Beim Stöbern fand er ein historisches Inserat. «Darin suchte ein Mann eine ‹fleissige und gebärfreudige Frau›.» Kinder wurden damals unter anderem für das mühsame Einfädeln der Nadeln eingesetzt. Es war nicht unüblich, eine Frau erst auf Probe an Heim und Herd zu holen. Bis sie unter Beweis gestellt hatte, dass sie gesunden Nachwuchs – künftige Arbeitskräfte für die Familie – zur Welt bringen konnte. «Diese unehelichen Kinder nannte man Kegel», sagt Erwin Tobler.

Grösser und schneller, aber filigrane Produkte

Die Maschinen, die in der Götighofer Stickerei heute die filigranen Produkte sticken, stehen für einen technischen Fortschritt der damaligen Zeit. «Isaak Gröbli erfand die erste Schifflistickmaschine um 1863», erklärt Erwin Tobler. «Sie wurde stetig weiterentwickelt und verbessert.» Der Schritt zur Mechanisierung war damit getan. Diese Maschinen waren grösser und mussten in Fabriken untergebracht werden. «Schifflistickmaschinen funktionieren mit zwei Fäden und einem ähnlichen Prinzip wie Nähmaschinen», sagt Erwin Tobler. Die Arbeit ging leichter und schneller von der Hand, die Spulen waren grösser, das mühsame ständige Einfädeln gehörte der Vergangenheit an.

Die Stickereibranche zwischen Blütezeit und Durststrecken: «Es gab Zeiten, da wurden in der Region viele Stickmaschinen zertrümmert, so schlecht lief das Geschäft.» Er selbst hat seine Entscheidung, eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart zu schlagen, nie bereut. Die Zeit steht auch in seiner Stickerei Götighofen nicht still. Sie hält nur den Atem an. «Mir gefällt die Schönheit, die in diesen Produkten liegt», sagt Erwin Tobler. «Es waren gute Jahre. Schade nur, dass so viel Wissen in Zukunft verloren gehen wird.»

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