Lehrplan 21 in der Kritik

FRAUENFELD. Die Interessengemeinschaft für eine gute Thurgauer Volksschule wehrt sich vehement gegen die Einführung des Lehrplans 21. Am vergangenen Freitag startete die IG in Frauenfeld eine Informationskampagne.

Evi Biedermann
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Sie sind gegen die Einführung des Lehrplans 21: Bruno Nüsperli, Priska Bühler, Felix Huwiler, Hedwig Schär und Daniel Amrhein. (Bild: Evi Biedermann)

Sie sind gegen die Einführung des Lehrplans 21: Bruno Nüsperli, Priska Bühler, Felix Huwiler, Hedwig Schär und Daniel Amrhein. (Bild: Evi Biedermann)

Coach statt Lehrperson, fehlende Strukturen, Zyklen statt Jahrgangsklassen, Abschaffung von Fächern, überforderte Kinder und Eltern, demotivierte Lehrer: Es hagelte Kritik am Informationsanlass der IG für eine gute Thurgauer Volksschule. Das Opfer: Der Lehrplan 21, der schweizweit vor der Einführung steht. Die IG will mit einer Volksinitiative bewirken, dass das Volk an der Urne über den Lehrplan entscheidet. Die Initiative läuft noch bis Mitte November.

Der schärfste Gegenwind kam am Freitagabend von Gastredner Bruno Nüsperli. Der Aargauer Bildungspolitiker zerpflückte mit fast schon fanatischem Eifer Beispiele aus dem umfangreichen Kompetenzenkatalog und fragte immer wieder: Wer soll das verstehen? Für Nüsperli ist der neue Lehrplan die Abkehr vom humanistischen Bildungsideal. Freier Mensch, selbstbestimmt, unabhängig, in der Demokratie mitbestimmen, zählte er auf: «Das alles wird einfach weggewischt.» Angestrebt werde nicht die Menschenbildung, sondern «ein gleichmacherisches Niveau».

Überforderte Kinder und Eltern

Die IG war mit drei Referenten vertreten. Mit dem Lehrplan 21 würden Lehrer zum Lernbegleiter degradiert, erklärte Co-Präsidentin und Primarlehrerin Hedwig Schär. Ebenfalls müssten die Kinder neu alles selber herausfinden und jedes Kind arbeite an seinem eigenen Programm. «Diese drei Sachen überfordern das Kind.» Das führe zu Entmutigung und schmälere die Lernfreude.

Aus Priska Bühlers Schilderungen ging hervor, dass auch Eltern überfordert sind. «Eltern können nicht mehr mitreden, weil sie den Lösungsweg des Kindes nicht kennen», sagte die mehrfache Mutter. Unterstützung erhielt sie von Daniel Amrhein. Hausaufgaben würden immer mehr missbraucht, um den Stoff neu zu erarbeiten, der in der Schule nicht vermittelt wurde. «Wollen wir zu Hause dem Kind helfen, ist für uns Eltern oft nicht mehr klar, was die Schule von unseren Kindern will», erklärte der sechsfache Vater. Bemängelt wurden auch fehlende Strukturen und Bezugspersonen. Amrhein: «Die Kinder finden sich nicht mehr zurecht. Sie leiden an Orientierungslosigkeit.»

Offen diskutieren

Es war ein geballter emotionsgeladener Haufen Information, der auf die rund 60 Anwesenden niederprasselte. Mit dem Resultat, dass sich immer mehr Stimmen aus dem Publikum zu Wort meldeten und ins gleiche Horn bliesen wie die Referenten. Mit Ausnahme von Kantonsrat Roland A. Huber, der den Referenten ein paar kritische Fragen stellte und dem Pfyner Schulpräsidenten Erich Schaffer, der positive Erwartungen an das gesamtschweizerische Werk hat. «Wenn 21 Kantone sich damit beschäftigen, dann muss es eine gute Sache sein.» Applaus jedoch erntete jene Besucherin, die eine breite offene Diskussion über den Lehrplan 21 forderte.