Lehrer im Dilemma

Zeugnis Der Erziehungsrat des Kantons St. Gallen hat beschlossen, die Noten 1 und 2 beizubehalten. Der Regierungsrat hingegen gibt Primar- und Oberstufenlehrern vor, auf diese Noten zu verzichten.

Katharina Brenner
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Ungenügend, ungenügender, am ungenügendsten – was sprachlich nicht funktioniert, lässt sich in Zahlen ausdrücken. In den Noten 3, 2 und 1. Der Erziehungsrat des Kantons St. Gallen hatte darüber diskutiert, die Noten 1 und 2 abzuschaffen. Er kam zum Schluss, sie vorerst beizubehalten. Das teilte die Staatskanzlei mit. «Es ist geplant, die Vorlage in der Frühjahrssession 2017 des Kantonsparlaments zu behandeln», sagt Alexander Kummer, Leiter des Amts für Volksschule. «Die Noten 1 und 2 könnten also frühestens ab dem Schuljahr 2018/2019 abgeschafft werden.» Im Schuljahr 2017/2018 bleibt die Notengebung wie gehabt.

In der Mitteilung der Staatskanzlei wird die Entscheidung damit begründet, «dass Fragen bestehen, die einer Klärung bedürfen». Kummer sagt dazu, es gebe keine Studien, die klar für oder gegen die Abschaffung der beiden Noten sprechen. Solche in Auftrag zu geben, liege nicht im Aufgabenbereich des Erziehungsrats. Das wäre zum Beispiel eine Aufgabe der Pädagogischen Hochschule.

Erst ab der Oberstufe vergeben

Auch die an den Gesprächen beteiligten Lehrer seien geteilter Meinung gewesen, sagt Kummer. Während sich Oberstufenlehrer eher für die Noten 1 und 2 ausgesprochen hätten, seien Primarschullehrer eher für eine Abschaffung. Wäre es möglich, die Noten 1 und 2 nur in der Oberstufe zu vergeben? «Theoretisch ja, aber darüber haben wir nicht diskutiert», sagt Kummer. Dieses Modell würde je nachdem den Übergang von der Primarschule in die Oberstufe erschweren.

Die Ursache, weshalb sich Primarschullehrer eher für eine Abschaffung der Noten 1 und 2 aussprechen, erklärt Kummer wie folgt: «Sie werden in der Primarschule so gut wie nie vergeben.» Der Grund dafür dürfte nicht nur eigenes Ermessen sein: Gemäss dem Regierungsrat sollen Volksschullehrer die Noten 1 und 2 nicht vergeben. Das geht aus der regierungsrätlichen Antwort auf die Einfache Anfrage des Flawiler Kantonsrats Daniel Baumgartner (SP) vom Mai 2014 hervor. Der Regierungsrat ist gegen die Noten, der Erziehungsrat dafür. «Die Lehrpersonen kommen somit kantonsweit in ein Dilemma», sagt Marlis Angehrn, Leiterin des Schulamts der Stadt St. Gallen. Wie lösen städtische Schulen dieses Problem? «Wir halten uns an die regierungsrätliche Antwort vom Mai 2014. Die städtischen Lehrpersonen wissen, dass sie für diese Fälle individuelle Lernziele beantragen», sagt Angehrn.

Den Anstoss für die Diskussion um die Noten 1 und 2 hatte die Motion «Schülerbeurteilung durch Noten im Volksschulgesetz verankern» der SVP-Fraktion vom September vergangenen Jahres gegeben. Darin kritisierten die Politiker den «erheblichen bürokratischen Mehraufwand» von Wortzeugnissen. Diese würden «nichts Handfestes» bringen. Der Kantonsrat hiess die Motion in der Novembersession 2015 gut. Im Zuge dessen lancierte der Erziehungsrat eine Diskussion über die Noten 1 und 2. «Sie wurde von den Medien hochgekocht», sagt Kummer. Reaktionen von Eltern oder Lehrern habe der Erziehungsrat kaum erhalten. «Endlich wird das Thema aufgegriffen – diese Rückmeldung haben wir öfters gehört.»

Im Kern geht es um die Motivation

In der Mitteilung der Staatskanzlei heisst es weiter, der Erziehungsrat sei sich bewusst, dass das Thema Notengebung ein sensibles sei. Im Kern der Debatte geht es um die Frage, wie Schüler am besten zu motivieren sind. Die einen glauben, die Noten 1 und 2 würden schlechte Schüler erst recht demotivieren. Die anderen meinen, diese Noten würden Schüler anspornen. Für sie ist ungenügend nicht gleich ungenügend.