Lehrer gegen Freifach Französisch

Nach der Abschaffung des obligatorischen Frühfranzösisch sollen Primarschüler die zweite Landessprache als Freifach lernen können – diese Idee prüft das Erziehungsdepartement zurzeit. Die Lehrerinnen und Lehrer halten das für keine gute Idee.

Christof Widmer
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Ob der Französischunterricht in der Primarschule künftig noch als Freifach angeboten werden soll, ist umstritten. (Bild: Mareycke Frehner)

Ob der Französischunterricht in der Primarschule künftig noch als Freifach angeboten werden soll, ist umstritten. (Bild: Mareycke Frehner)

FRAUENFELD. Nach den Sommerferien 2017 müssen Thurgauer Fünftklässler kein Französisch mehr lernen. Ganz verschwinden soll die zweite Landessprache an der Thurgauer Primarschule aber doch nicht. Das Erziehungsdepartement prüft, ob Französisch für Fünft- und Sechstklässler als Freifach angeboten werden soll. Sprachbegabte Kinder könnten somit weiterhin in der Primarschule spielerisch in Kontakt mit der französischen Sprache kommen.

Die Freifach-Idee stösst in der Lehrerschaft auf Widerstand. So hat kürzlich eine Umfrage der Konferenz der Sekundarlehrerinnen und -lehrer eine klare Ablehnung ergeben. Sie warnen davor, dass der Besuch oder Nichtbesuch des Freifachs in der Primarschule vorspurt, in welches Stärke-Niveau ein Schüler in der Sekundarschule eingeteilt wird. «Wer Französisch als Freifach an der Primarschule hatte, wird in der Sekundarschule in das höhere Niveau einsteigen», sagt Lukas Dischler, Präsident der Sekundarlehrerkonferenz. In welches Niveau ein Schüler in der Sekundarschule eingeteilt ist, entscheidet zum Beispiel, ob er für die Kantonsschule empfohlen wird oder nicht.

Viertklässler unter Druck

«Mit dem Freifach würde sich der Selektionsdruck auf die vierte Klasse verlagern», sagt Dischler. Die Viertklässler müssten entscheiden, ob Französisch für ihre Karriere wichtig ist. Zwar sei es möglich, dass ein Jugendlicher während der Sekundarschule von einem tieferen in ein höheres Niveau umgeteilt wird, sagt Dischler. «Aber je länger der Zug fährt, desto grösser die Gefahr, dass der Anschluss verlorengeht.»

Dischler ist überzeugt, dass trotz Abschaffung des Frühfranzösisch die Jugendlichen nach dem neunten Schuljahr gleich gut Französisch sprechen werden wie heute. Voraussetzung dafür sei, dass der Französischunterricht in der Sekundarschule intensiviert wird.

Sorge um Chancengleichheit

Ebenfalls deutliche Vorbehalte gegen ein Freifach Französisch ab der fünften Klasse äussert Sabina Stöckli. Auch die Präsidentin der Mittelstufenkonferenz warnt vor einem zu frühen Selektionsdruck. «Ob ein Kind das Freifach nimmt, wird nicht vor allem von seinen Begabungen abhängen, sondern vom Druck der Eltern», sagt sie. Eltern, die ihren Kindern den Weg an die Kantonsschule oder in eine anspruchsvollere Berufslehre offenhalten wollen, würden ihre Kinder ins Freifach Französisch schicken. Eltern, denen die Tragweite des Entscheids zu wenig bewusst sei, könnten das verpassen. «Das würde die Chancengleichheit der Kinder gefährden», sagt Stöckli.

Die Primarlehrerin an der Schule Donzhausen weist noch auf ein anderes Problem hin. Wenn alle Fünft- und Sechstklässler die Chance haben sollen, das Freifach Französisch zu besuchen, müssten es auch alle Primarschulen anbieten. «Dafür müssten dann aber auch die Mittel gesprochen werden.»

Stöckli sieht die Gefahr, dass Schulgemeinden mit mehreren Schulhäusern das Freifach an einem Standort konzentrieren. Weil die Schüler hin- und hergefahren werden müssten, wäre diese Lösung aufwendig. Zudem würde das Freifach aus stundenplantechnischen Gründen auf die späteren Nachmittagslektionen angesetzt. «Das wäre aber die Zeit, in welcher die Kinder sinnvollerweise im Freien spielen.»

Knill erwartet Kreativität

Erziehungsdirektorin Monika Knill weiss von der Kritik. «Ich will aber eine Gesamtauslegung über die Vor- und Nachteile eines Freifachs Frühfranzösisch.» Eine Arbeitsgruppe hat den Auftrag, diese Idee zu prüfen. Das gehöre zur Umsetzung der letztes Jahr vom Grossen Rat gutgeheissenen Motion zur Abschaffung des Frühfranzösisch-Obligatoriums. Knill erwartet von der Arbeitsgruppe kreative Überlegungen.

Zur Gesamtschau gehören für die Regierungsrätin durchaus auch die Überlegungen, wie sie die Lehrerinnen und Lehrer formulieren. Die Idee lasse sich aber auch unter anderen Blickwinkeln betrachten – etwa der Begabtenförderung oder der Lehrerausbildung im Thurgau. Erst wenn die Vorschläge auf dem Tisch liegen, soll entschieden werden, ob es ein Freifach gibt oder nicht.

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