LEGENDE: Retter Bruder Klaus

Niklaus von Flüe sei Dank. Der spätere Einsiedler soll das Kloster St. Katharinental vor einem Brand bewahrt haben. Der Egnacher Religionslehrer Max Burkhardt hat sich auf eine Spurensuche begeben.

Rahel Haag
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Max Burkhardt und Betty Sonnberger diskutieren in der Klosterkirche St. Katharinental vor dem Wandbild, das zeigt, wie Niklaus von Flüe das Gotteshaus rettet. Niklaus von Flüe ist auf dem Wandbild zweimal zu sehen: Links als Einsiedler, der für die Errettung des Klosters betet, und rechts, wie er während seiner Wehrpflicht die Flammen löscht. (Bilder: Reto Martin)

Max Burkhardt und Betty Sonnberger diskutieren in der Klosterkirche St. Katharinental vor dem Wandbild, das zeigt, wie Niklaus von Flüe das Gotteshaus rettet. Niklaus von Flüe ist auf dem Wandbild zweimal zu sehen: Links als Einsiedler, der für die Errettung des Klosters betet, und rechts, wie er während seiner Wehrpflicht die Flammen löscht. (Bilder: Reto Martin)

Rahel Haag

rahel.haag

@thurgauerzeitung.ch

In einem Schulzimmer hat alles seinen Anfang genommen. Dort griff der Religionslehrer Max Burkhardt zum Geschichtsbuch «Schweizergeschichte des Kantons Thurgau für die Mittelstufe 1990».

Sein Interesse galt Niklaus von Flüe. Tatsächlich wurde er fündig. Im Lehrmittel heisst es, Niklaus von Flüe habe das Kloster St. Katharinental gerettet. Das hat Burkhardt überrascht. «Ich hatte gar nicht gewusst, dass Niklaus im Thurgau war», sagt er. Anschliessend habe er herumgefragt und festgestellt, dass er damit nicht allein war. «Jetzt will ich’s genau wissen», sagte er sich und machte sich auf die Suche nach weiteren Quellen. In der Kantonsbibliothek Frauenfeld recherchierte er, verglich mehrere Chronisten miteinander. Während rund zweier Monate und «mit viel Herzblut» erarbeitete er eine Publikation über die Rettung des Klosters.

Intensive Diskussion über ein Wandgemälde

Die «Thurgauer Zeitung» hat Max Burkhardt und Betty Sonnberger zu einem Gespräch in die Klosterkirche St. Katharinental eingeladen. Sonnberger nennt sich selbst mit einem Lächeln «Kirchenschätzchen». Sie ist bei der Denkmalpflege des Kantons Thurgau für das Inventar der Thurgauer Kirchen zuständig. Zudem macht sie Führungen durch die Klosterkirche.

Burkhardt und Sonnberger kennen sich nicht. Sie haben lediglich einmal miteinander telefoniert. Dennoch schafft das gemeinsame Interesse sofort Vertrauen. Sie diskutieren intensiv über ein Wandgemälde: gestikulieren, zeigen auf Details, sprechen darüber, dass Niklaus von Flüe zweimal zu sehen ist – links als betender Einsiedler und rechts wie er den Brand löscht. Burkhardt und Sonnberger sind vertieft, nehmen ihre Umgebung kaum wahr. Erst die Stimme eines Aussenstehenden holt sie in die Realität zurück. Für einen Moment scheint es, als seien sie gerade aus einem Traum erwacht. Beide lächeln – fast selig.

Das Gemälde, das die beiden in ihren Bann gezogen hat, zeigt die Rettung des Klosters St. Katharinental. Niklaus von Flüe hat an mehreren Kriegszügen teilgenommen. Im Jahr 1460 führte ihn der Thurgauerzug nach Diessenhofen. Der Legende zufolge soll er dort verhindert haben, dass das Kloster niedergebrannt wurde. «Wäre nichts dran, hätte man das Bild sicher nicht so gross gemacht», ist Sonnberger überzeugt.

Im Lehrmittel zur Schweizer Geschichte heisst es, Niklaus von Flüe habe den «rohen Soldaten» die angezündeten Brandfackeln entrissen und damit das Gotteshaus vor dem Untergang gerettet. Auf dem Wandgemälde ist zu sehen, wie er selbst mit Eimern voll Wasser das bereits brennende Kloster löscht. Die Recherche von Max Burkhardt zeigt, dass sich die einzelnen Quellen nicht einig sind, ob die Eidgenossen selbst oder der Feind die Absicht hatte, das Kloster in Brand zu stecken. Darüber hinaus ist unklar, ob es sich beim Brand um eine Tatsache oder eine Legende handelt. Historisch ist also nicht belegt, dass Niklaus von Flüe das Kloster tatsächlich gerettet hat.

Die Diskussion zwischen Burkhardt und Sonnberger setzt sich in der Gartenwirtschaft der Cafeteria der Klinik St. Katharinental direkt am Rhein fort. Rote Kanus treiben flussabwärts, der typische Duft, wie er einem auch am See in die Nase steigt, liegt in der Luft. «Bruder Klaus polarisiert», sagt Sonnberger. Burkhardt hält einen Moment inne, schaut sie fragend an. Dann fällt der Groschen: «Sie meinen, weil er seine Familie verlassen hat.» Sonnberger nickt. Es stelle sich die Frage, ob man das überhaupt dürfe, sagt sie. Burkhardt überlegt. «Ich denke, das war ein längerer Prozess», sagt er schliesslich. Er habe die Situation sicher mit seiner Frau besprochen und von ihr Zustimmung erhalten. «Es würde nicht zu Bruder Klaus passen, einfach fortzugehen.» Burkhardt schüttelt den Kopf. Ein Erpel watschelt leise quakend am Tisch vorbei.

Die ungeklärte Rolle bei den brutalen Eidgenossen

Auch welche Rolle Niklaus von Flüe während seiner Wehrpflicht in der Truppe übernommen hat, bleibt unklar. In seiner Publikation schreibt Burkhardt über zwei Jugendfreunde von Niklaus: «Sie bezeugen übereinstimmend, dass ihr Freund Gerechtigkeit geliebt, Unrecht und Arglist verpönt, die Wahrheit gefördert und in Kriegen seine Feinde wenig beschädigt, sondern sogar beschirmt habe.» Auch andere Quellen bestätigen, dass er ein friedlebender Mensch war.

Es stellt sich die Frage, wie diese Art zu den Eidgenossen passt, die für Ihre Brutalität bekannt sind. «Wahrscheinlich musste er in Schlachten auch Menschen töten», sagt Burkhardt. Das höre man aber nicht gerne. Er selbst glaubt, dass Niklaus Fähnrich war. Denn als Bannerträger habe man besonnene Persönlichkeiten ausgewählt, die nur im Notfall selber zum Kriegswerkzeug greifen mussten. Zudem habe ein Fähnrich viel Verantwortung getragen: «Man durfte die Fahne nicht an den Feind verlieren», sagt Burkhardt. Sonnberger nickt. Bruder Klaus sei vom Charakter her extrem facettenreich gewesen. «Würde er in der heutigen Zeit leben, wäre er sicher Mediator», sagt sie.