Lebergift im Ritalinersatz

Das Thurgauer Kantonslabor hat AFA-Algen-Tabletten untersucht, die als Salat- und Ritalin-Ersatz dienen. 4 von 17 Stichproben enthielten zu viel stark giftiges Mikrocystin. Die meisten Produkte waren unbewilligt auf dem Markt.

Thomas Wunderlin
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AFA-Algen werden Heilwirkungen nachgesagt, die wissenschaftlich nicht belegt sind. Verkauft werden dürfen sie nur als Lebensmittel. (Bild: Reto Martin)

AFA-Algen werden Heilwirkungen nachgesagt, die wissenschaftlich nicht belegt sind. Verkauft werden dürfen sie nur als Lebensmittel. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Algen werden wundersame Heilwirkungen nachgesagt. Besonders AFA-Algen geniessen auf dem Markt der käuflichen Gesundheit einen hohen Stellenwert. Sie wachsen nirgends anders auf der Welt als im Klamath-See im US-Bundesstaat Oregon, dem grössten Süsswasserreservoir der amerikanischen Westküste. Dieser gilt als besonders rein, da er von Gletscherwasser gespeist wird. Die darin wachsenden Algen werden geerntet und in Form von grünen Tabletten verkauft. Als Tagesration werden drei bis vier Stück empfohlen. Problematisch ist jedoch, dass AFA-Algen-Tabletten meistens das stark giftige Mikrocystin enthalten.

Das Thurgauer Kantonslabor untersuchte letztes Jahr 17 Produkte mit AFA-Algen. Mit einer Ausnahme enthielten alle Mikrocystin. 4 Proben überschritten den zulässigen Mikrocystin-Höchstgehalt. 11 der am Markt erhobenen Produkte wurden ohne Bewilligung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) angeboten. «Dies ist besonders bedenklich, weil diese Nahrungsergänzungen in vielen Fällen Kindern verabreicht werden», heisst es im Geschäftsbericht des Regierungsrats.

Verkauf nur mit BAG-Zulassung

Bei einer Untersuchung vor zehn Jahren hatte das Thurgauer Kantonslabor in 19 Proben keine unzulässigen Mikrocystin-Gehalte gefunden, wie in einer BAG-Mitteilung von 2004 zu lesen war. Die AFA-Algen gelten als Lebensmittel und dürfen in der Schweiz nicht als Heilmittel beworben werden. Das BAG rät vom Verzehr von AFA-Algen ab. Weisen sie einen tiefen Mikrocytin-Gehalt auf, können sie vom BAG als Lebensmittel bewilligt werden.

Das BAG hat einen Höchstwert von 2 Mikrogramm Mikrocystin pro Tagesration festgelegt. AFA-Algen sind teuer. Bei einem Anbieter kosten beispielsweise 150 Tabletten knapp 50 Franken. Dafür bekommt man einiges geboten, sofern man an die Heilwirkungen glaubt.

Spirituelle Erfahrungen

In der Nähe des Klamath-Sees liegt der Shasta-Berg, ein Kraftort wie der australische Ayersrock. Die langjährige Einnahme der Tabletten aus AFA-Algen, die in dessen Nähe geerntet wurden, soll deshalb spirituelle Erfahrungen ermöglichen. Bei Jugendlichen helfen die Tabletten angeblich bei Schulproblemen und machen die Einnahme von Ritalin überflüssig. Auch bei Krebs, Virusinfektionen und Diabetes sollen sie helfen.

Realistischer ist der Hinweis auf den Eiweiss- und Chlorophyll-Gehalt, weshalb AFA-Algen auch als Alternative zu Fleisch, Gemüse und Salat angepriesen werden.

Das in den Algen enthaltene Microcystin kann jedoch Nieren und Gehirn schädigen. Gerät das Gift in die Leber, so bringt es gemäss einem Bericht der «Welt» die Zellen zum Schrumpfen. In den Zwischenräumen sammelt sich Blut. Ein Kreislaufschock ist die Folge.

Das Kantonslabor untersuche stichprobenweise die gesamte Lebensmittelpalette, erklärt Jürg Vetterli, Stellvertreter des Kantonschemikers. Untersucht werde auch, ob unzulässige Werbung gemacht werde. Nicht erlaubt sei beispielsweise das Versprechen, dass ein Produkt eine Krankheit heile. Auch Anpreisungen im Internet würden geprüft. Bei Verstössen werde das Kantonslabor selber aktiv, wenn es sich um Thurgauer Firmen handle. Sonst werde das Dossier in andere Kantone überwiesen.

Diskutiert als Nahrungsquelle

Aus kantonsärztlicher Sicht seien Algen zurzeit kein Thema, sagt der Thurgauer Kantonsarzt Olivier Kappeler. Sie hätten einen gewissen Stellenwert als Nahrungsergänzung; sie seien auch als Nahrungsquelle einer wachsenden Weltbevölkerung in der Diskussion.

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