Langer Weg bis zum bezahlbaren Zuhause

Der gemeinnützige Wohnungsbau ist ein langsames Instrument. Auch wenn sofort mit dem Bau von Wohnungen begonnen würde, stünden diese erst in 30 Jahren zu Preisen zur Verfügung, wie sie der Caritas heute vorschweben.

Christoph Zweili
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Jacques-Michel Conrad Geschäftsführer Ostschweiz Wohnbaugenossenschaften (Bild: pd)

Jacques-Michel Conrad Geschäftsführer Ostschweiz Wohnbaugenossenschaften (Bild: pd)

«Es braucht mehr gemeinnützigen Wohnungsbau»: Jacques-Michel Conrad, seit zwei Jahren Geschäftsführer des Ostschweizer Regionalverbands von «Wohnbaugenossenschaften Schweiz», unterstützt die Forderung der Caritas. Er schränkt aber ein: «Kurzfristig lässt sich damit nur beschränkt Wirkung erzielen. Und wir dürfen auch nicht gleich nach der Subventionsgiesskanne von Kantonen und Gemeinden rufen.» Die Kantone, Städte und Gemeinden müssten für gute Rahmenbedingungen sorgen, «etwa durch eine aktive Bodenpolitik und eine vorausblickende Raumplanung».

Die gemeinnützigen Wohnbauträger müssten selber an ihre Grenzen gehen und bereit sein, Risiken einzugehen. Für Conrad heisst das, «auch an mittleren und weniger guten Wohnlagen günstigen Wohnraum übernehmen».

Der 59-Jährige aus Wolfhalden räumt mit Missverständnissen auf: «Die Wohnungsnot betrifft längst nicht mehr nur Familien, die von tiefen Einkommen leben. Das geht heute bis weit in die Mittelschicht hinein, denn Bodenpreise und Wohnkosten steigen stärker als Teuerung und Löhne.» Genossenschaftlich-gemeinnütziges Bauen meint nicht Sozialwohnungen für Randständige schaffen. Auch moderne Wohnungen werden genossenschaftlich erstellt.

Von 1200 auf 1900 Franken

Gemeinnützige Wohnungsträger können sich allerdings den Marktgesetzen nicht entziehen. Ein Beispiel: Die Genossenschaft für gesundes Wohnen hat vor rund 45 Jahren in St. Gallen gebaut – hier kostet eine gut unterhaltene 4-Zimmer-Wohnung heute günstige 1000 bis 1200 Franken brutto. Nun plant die Genossenschaft eine neue Siedlung. «Die Bauherrin muss sich Mühe geben, wenn sie bei der Erstvermietung unter 1900 Franken liegen will.» Private Investoren würden dafür wohl 2100 oder 2200 Franken verlangen, sagt Conrad. Bei gemeinnützigen Wohnbauträgern entfallen aber die Handänderungen – mit den Objekten wird nicht spekuliert. Es werden auch keine Gewinne abgeschöpft. «Das sind die günstigen Wohnungen, die Caritas in 30 Jahren braucht.»

In Zürich noch sehr präsent

Die Gründung von Genossenschaften gegen die Wohnungsnot ist eine Idee, die vor über 100 Jahren in den Städten geboren ist. Hierzulande sind vor allem noch die Eisenbahnersiedlungen in Romanshorn, Arbon, Rorschach, St. Gallen oder Buchs bekannt. «Das sind aber kleine Fische im Vergleich zu Zürich, wo die grösste Genossenschaft knapp 5000 Wohnungen hat und der Genossenschaftsgedanke noch immer sehr präsent ist», sagt Conrad.

Im Ostschweizer Regionalverband, der die Kantone St. Gallen, Thurgau und beide Appenzell sowie Graubünden und Glarus abdeckt, haben die Mitglieder zusammen nur gerade 8500 Wohnungen – davon ist mindestens ein Drittel in St. Gallen und Umgebung zu finden.

Einen nachahmenswerten Ansatz sieht Conrad in der Einzelinitiative «Wohnen für alle» vom Innerrhoder SP-Präsident Martin Pfister, der damit mehr bezahlbaren Wohnraum in seinem Kanton schaffen will. Hier liegt der Leerwohnungsbestand seit 2005 unter 1,5 Prozent. Der Handlungsbedarf wurde zwar vom Grossen Rat anerkannt, der Vorstoss im Dezember 2014 aber abgelehnt – Conrad: «Er kam wohl aus der falschen politischen Ecke.»

Damit hat das Volk an der Landsgemeinde vom 26. April das letzte Wort – ohne Gegenvorschlag der Standeskommission (Regierung). Pfister will im kantonalen Baugesetz die Bedingungen für bezahlbare Mietwohnungen und Gewerberäume festschreiben.

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