La-Ola-Welle für den Vize-Meister

Der Frauenfelder Paul Ebinger konnte an der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Lyon zwei Silbermedaillen für die Schweiz nach Hause nehmen Doch damit beendet der 92-Jährige seine sportliche Aktivitäten keineswegs.

Marion Wehrli
Drucken
Teilen
Immer mittwochs trainiert Paul Ebinger (mit «Suisse»-T-Shirt) mit seinen Turnkameraden im Reutenen. (Bild: Donato Caspari)

Immer mittwochs trainiert Paul Ebinger (mit «Suisse»-T-Shirt) mit seinen Turnkameraden im Reutenen. (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. «Es war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens», sagt Paul Ebinger. Er hat an der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Lyon gleich zwei Silbermedaillen gewonnen und das im Alter von 92 Jahren. Angefangen hat das Experiment für den vierfachen Vater damit, dass seine Töchter ihm dazu rieten, an der diesjährigen Weltmeisterschaft teilzunehmen. Sie wussten, wie viel der Sport ihrem Vater bedeutet und wie fit er noch ist. Ebinger hatte auch gute Voraussetzungen.

Seit er elf Jahre alt ist, ist er Mitglied im eidgenössischen Turnverein. Das ist nun schon 80 Jahre her und einige Vereine: Sulgen, Genf, Ermatingen, Romanshorn und Frauenfeld. In dieser Zeit hat er viele Arten von Sport betrieben, darunter Zehnkampf, Faustball oder auch Fussball. «Das Fussballtraining hat meine Leistungen in der Leichtathletik verbessert», sagt Ebinger. «Allgemein hat mir der Sport dabei geholfen, dass ich heute noch so fit bin.»

Schwerer Rückschlag

Nach dem Vorschlag seiner Kinder begann Ebinger im Sommer 2014 damit, in der grossen Allmend die Disziplinen Kugelstossen und Diskuswurf zu trainieren. Um seine Chancen in Lyon abzuschätzen, verglich er seine Trainingswerte mit den Leistungen der drei Erstplazierten der Über-90-Kategorie der letzten Weltmeisterschaft in Japan. Er schlug ihre Werte und dachte daher, eine Medaille an der Weltmeisterschaft wäre gar nicht so unwahrscheinlich.

Doch dann erfolgte im September vor einem Jahr ein Rückschlag. Bei Ebinger wurde ein Tumor in der Blase festgestellt, eine Operation war unumgänglich. Nach der Operation erschien ihm eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft unmöglich. Doch seine Kinder ermutigten ihn, nicht einfach aufzugeben, sondern trotz des Rückschlags weiterzutrainieren und nach Lyon zu fahren. Auch sein Trainer, der mittlerweile verstorbene Rolf Sonderegger, meinte, er solle unbedingt die Teilnahme an der Weltmeisterschaft als Ziel behalten. Schliesslich wäre das ein einmaliges Erlebnis, Medaillengewinn hin oder her.

Paul Ebinger trainierte weiter und sagte sich, dass er nur nach Lyon fahren würde, wenn er die Resultate der letzten Gewinner wieder erreichen würde. Dazu absolvierte er ein dreimonatiges intensives Training in Islikon und erreichte schliesslich sein Ziel. Nun stand der Teilnahme in Lyon nichts mehr im Weg.

Keine Wettkampfstimmung

Ebinger reiste mit seiner gesamten Familie nach Lyon. «Als wir ankamen, war alles noch etwas unwirklich», sagt seine Frau Therese, die ihren Mann auf seinem athletischen Werdegang seit 67 Jahren begleitet. «Paul war gar nicht so in Wettkampfstimmung.» Dennoch schaffte es der Frauenfelder, seine Trainingsresultate bei weitem zu toppen und lange den ersten Rang zu halten. In der Disziplin Diskus erreichte der 92-Jährige ein Resultat von 17,88 Metern und im Kugelstossen eine Weite von 8,14 Metern.

Trotz der überzeugenden Werte wurde Ebinger in beiden Disziplinen noch auf den zweiten Rang verdrängt. Das findet er aber nicht weiter schlimm. «Meine Kinder kamen nach dem Medaillengewinn zu mir und sagten, dass auch der zweite Platz eine unglaubliche Leistung ist», sagt Ebinger. «Und ich bin ebenfalls vollkommen zufrieden mit den Silbermedaillen.»

Von Aufhören keine Spur

Nicht nur, dass er zwei Medaillen mit nach Hause nehmen konnte, nebenbei hatte er in Lyon auch viele neue Bekanntschaften gemacht. Auf die Frage, ob er in Zukunft auch weiterhin Sport machen möchte, sagt Ebinger: «Jeden Tag sage ich, ich höre auf, aber dann mache ich trotzdem weiter.» An Wettkämpfen wird er aber in Zukunft nicht mehr teilnehmen. Dazu fänden viele der Wettkämpfe auch einfach zu weit weg statt.

Er hatte ja schon vor seiner Reise nach Lyon genug sportliche Erfolge, auf die er zurückschauen kann, darunter auch ein Titel als Thurgauer Meister im Speerwurf, einige Erfolge im Zehnkampf und im Faustball.

Am 16. November findet in Erlen eine Veranstaltung statt, bei der diejenigen Athleten aus dem Thurgau geehrt werden, die an einer EM, WM oder Olympiade eine Medaille gewonnen haben. Dabei wird auch Ebinger geehrt werden.