KURIOS: Willa Kunterbunt

Fünf Jahre lang durften Gäste aus aller Welt im «Hüttenpalast» in Müllheim übernachten. Damit ist nun Schluss. Künstler Frank Willa lässt in der Fabrikhalle der Grüneta Textil AG ein Kunsthaus für Theateraufführungen entstehen.

Géraldine Bohne
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Vorne sitzt Frank Willa, umringt von seinen Helfern Angelic, David, Ezequiel und Moise. (Bild: Reto Martin)

Vorne sitzt Frank Willa, umringt von seinen Helfern Angelic, David, Ezequiel und Moise. (Bild: Reto Martin)

Verrückte Skulpturen und kuriose Gegenstände aus aller Welt lauern hinter jeder Ecke. Zwei steile Treppen führen im ehemaligen Gebäude der Grüneta Textil AG Müllheim in einen grossen Raum, wo das künstlerische Chaos ausgebrochen ist. Bunt gemusterte Kissen und Decken, Stellwände, Krimskrams. Der Raum: ein kunterbuntes Durcheinander, wie im Haus von Pippi Langstrumpf. Eine Hängematte schwebt über einem aufgehängten Sofa, eine Art Zelt aus Tierfellen steht nur noch halbwegs gerade auf dem Boden, und eine Zebramaske ist kunstvoll auf einer Halterung plaziert. Direkt neben den grossen Fabrikfenstern steht ein hölzerner Tisch, an dem Künstler Frank Willa mit drei Helfern aus Argentinien und Mexiko plaudert.

Aus dem Hüttenpalast wird ein Kunsthaus
Das Chaos hat seinen guten Grund, denn Frank Willa bricht seinen bunten Hüttenpalast ab. Das gehört zu seinem neuen Projekt. Es soll nun, mit Hilfe aus aller Welt, ein Kunsthaus entstehen. Das Untergeschoss des alten Fabrikgebäudes soll dem Theater dienen, der zweite Stock der Malerei, und im dritten Stock wird ein Fundus an Kostümen entstehen. Willa möchte diesen «Kunstpalast» auch an Bands oder Kunstgruppen vermieten. Wer schlussendlich seine Projekte hier auslebt, weiss der Künstler noch nicht.

Während fünf Jahren waren auf den zwei Etagen der alten Fabrik Hütten und Zelte aus verschiedensten Materialen aufgebaut. «Das war ein soziales Experiment», sagt Willa. Sein Blick schweift durch seinen kunterbunten Raum. Inspiriert wurde er durch das Hotel Hüttenpalast in Berlin, in dem er schon einige Male übernachtet hatte. «Ich fand es sehr spannend, wie fremde Personen miteinander umgehen, wenn sie räumlich nur durch Tücher getrennt sind.» In seinem Reich durfte er nebst Schulklassen und Meditationsgruppen auch schon Firmen für Weiterbildungen begrüssen. «Das war manchmal schon sehr lärmig», sagt er. Bis zehn Uhr abends sei das nie ein Problem gewesen, aufgrund der Lage im Industriegebiet. «Danach musste es hier aber ruhig sein, das ist Vorschrift.»

Nur beim abendlichen Toilettengang erklangen dann noch melodische Töne aus einem Plattenspieler, damit gewisse unangenehme Geräusche aus dem Bad übertönt werden konnten. Der Raum ist sehr hellhörig. Die Toilette steht noch, die Hütten und Zelte sind nach einer Woche Abbruchsarbeit kaum mehr zu sehen. «Das Experiment ist nun abgeschlossen. Ich will jetzt wieder Richtung Schauspiel und Musik gehen», sagt Willa voller Vorfreude. Deshalb entsteht in den nächsten Monaten in dem alten Fabrikgebäude eine Künstlerei. Dabei unterstützen ihn Helfer, die er über eine Internetplattform gefunden hat. Untereinander ist die Stimmung fröhlich und vertraut. Einer spielt Gitarre, die anderen plaudern. Kunst verbindet. Dem Walliser Künstler schwirren viele Ideen im Kopf herum. Die ständige Veränderung ist wichtig für ihn. «Ich sehe das Leben als Metamorphose; alles, was sich verändert, lebt. Kunst ist, sich in diesem Prozess wohlzufühlen.» Plötzlich nimmt Willa das Künstlerbuch «Codex Seraphinianus» von Luigi Serafini in die Hände und öffnet es. Seine Augen leuchten auf: «Das ist Kunst für mich.» Im Buch zu sehen sind Kreaturen in allen Farben und Formen. Nicht solche, die man kennt. Keine Tierchen aus dem Kinderzoo. Dafür ein Nashorn, dessen Horn mit dem Schwanz verbunden ist, daran wiederum hängt ein tanzendes Mobile. Oder Pflanzen, die aussehen, als wären sie aus der Zukunft. Nichts soll normal und still sein.

Der Weg zurück zur Regie
«Verwandlungen sind nie etwas Schlechtes.» Deshalb weiss Willa bereits, welches Projekt als nächstes auf ihn wartet: «Der Hals der Giraffe». Das Theaterstück nach dem Roman von Judith Schalansky soll in seinem neuen Kunsthaus erprobt und vorbereitet werden. Willa führt dabei Regie, wie in früheren Jahren. Bevor sein Interesse für das Theater erwacht war, sang er in einer Rockband. Dann schrieb er sein erstes Musical «Gitta Zampana» und blieb fortan im Bereich Schauspiel und Musik hängen. Er gewann den Walliser Kulturpreis, absolvierte die Schauspielausbildung in Paris und tourte mit einem Zirkus. Nun ist der Künstler in Müllheim gelandet und pendelt zwischen dem Wallis, wo er immer noch wohnt, und dem Thurgau hin und her. «Ich bin hier gelandet, weil ich meine Frau in Konstanz kennen gelernt habe», sagt er. Die Liebe hat ihn in den Thurgau geführt.