KULTUR: Die Zugabe fällt aus

Die grösste Kultursubvention des Kantons Thurgau fliesst an eine ausserkantonale Institution: das Theater St.Gallen. Dieses soll nun für fast 50 Millionen Franken renoviert werden. Bringt dieses Vorhaben auch eine finanzielle Mehrbelastung für den Thurgau mit sich?

Sebastian Keller
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Blick auf das Theater St. Gallen anlaesslich einer Medienkonferenz zu dessen Erneuerung und Umbau, am Montag, 20. Maerz 2017, in St. Gallen. Die Regierung beantragt dem Kantonsrat einen Kredit von 47,6 Millionen Franken. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Blick auf das Theater St. Gallen anlaesslich einer Medienkonferenz zu dessen Erneuerung und Umbau, am Montag, 20. Maerz 2017, in St. Gallen. Die Regierung beantragt dem Kantonsrat einen Kredit von 47,6 Millionen Franken. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller) (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Wenn die Vampire bluthungrig über die Bühne tanzen, sind die Thurgauer nicht ganz unschuldig. Für das Musical «Tanz der Vampire» wie auch die weiteren Produktionen am Theater St.Gallen fliesst Geld aus dem Thurgau in den Nachbarkanton. Aktuell sind es 1,6 Millionen Franken pro Jahr. Auch Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden unterstützen das grösste Theaterhaus der Ostschweiz. Die Grundlage bildet der Ostschweizerische Kulturlastenausgleich. Die jährliche Zahlung nach St.Gallen ist die grösste Einzelposition in der breiten Palette der Thurgauer Kulturförderung. Das bestätigt Regierungsrätin Monika Knill, Thurgauer Kulturministerin. Zum Verhältnis: Das Theaterhaus Thurgau in Weinfelden erhält im Jahr 90'000 Franken aus der Staatskasse. Viele Kulturinstitutionen werden mit Beiträgen aus dem Lotteriefonds unterstützt, das Theater Konstanz beispielsweise mit 120'000 Franken.

Der Betonbau aus dem Jahr 1968 soll saniert werden
Nun sollen statt tanzender Vampire die Bagger auffahren: Der Betonbau des Theaters St.Gallen ist in die Jahre gekommen. 2018 jährt sich seine Errichtung zum fünfzigsten Mal. Eine Sanierung drängt sich gemäss Verantwortlichen von Kanton und Theater auf. Die St.Galler Kantonsregierung rechnet mit Kosten von 47,6 Millionen Franken. Die Mängelliste ist lang und wird immer länger. An der Betonfassade sind Risse zu sehen, in den Fugen der Verglasung sitzt Asbest. Durch die Glasfassade verpufft Heizwärme. Auch die Bühnentechnik des Theaterhauses in der Gallusstadt ist veraltet. Requisiten an Seilen müssen mit Muskelkraft bewegt werden – eine elektrische Winde fehlt.

Nun stellt sich die Frage, ob der Kanton Thurgau, der jährlich 1,6 Millionen Franken ans Theater bezahlt, auch die Sanierung mitfinanziert? Die Thurgauer Kulturministerin Monika Knill verneint. Sie sagt: «Gemäss Auskunft der Verantwortlichen wird das geplante Sanierungsvorhaben des Theaters St.Gallen auf die Vereinbarung des Kulturlastenausgleichs keinen Einfluss haben.» Das bedeutet wohl auch, dass zumindest im Thurgau die Bauvorlage kaum politische Wellen schlagen wird. Anders im Standortkanton. Im Juni sollen Kantonsparlamentarier das Geschäft beraten.

Trotz der budgetierten Kosten von fast 50 Millionen Franken ist keine Volksabstimmung vorgesehen. Denn: Nur 9,5 Millionen Franken betreffen wertvermehrende Massnahmen. Dieser Betrag liegt unter der Schwelle für eine obligatorische Volksabstimmung. Die stärkste Partei im Kantonsrat findet aber, das Volk soll mitreden. Die SVP-Fraktion erwägt, das Referendum zu ergreifen. Ihre Dominanz im Kantonsrat erlaubte ihr, dies aus eigener Kraft zu tun. Sie verfügt exakt über die Anzahl Sitze, die dafür notwendig sind: 40. Abwesende oder Abweichler könnten es zu einer theatralischen Zitterpartie werden lassen.

Vertraglich vereinbart

St.Gallen, Thurgau und beide Appenzell haben 2009 die Vereinbarung über die interkantonale Zusammenarbeit und den Lastenausgleich im Bereich der Kultureinrichtung von überregionaler Bedeutung abgeschlossen. Das Prädikat «überregionale Ausstrahlung» erfüllt aber nur das Theater St.Gallen. Das Kulturangebot des Hauses, so hiess es in der Parlamentsbotschaft, sei hochstehend und werde von der Thurgauer Bevölkerung – vor allem aus dem Hinterthurgau und dem Oberthurgau – rege in Anspruch genommen. Der Betrag, den der Thurgau jährlich zahlt, errechnet sich aus dem Anteil Thurgauer Besucher. Der Lastenausgleich ist eine bundesrechtliche Verpflichtung im Rahmen des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und den Kantonen. (seb.)