KÜMMERTSHAUSEN: Ein Zeuge ist in seinem Stolz verletzt

Der Bruder eines Beschuldigten verweigert die Aussage. Grund ist ein Medienbericht.

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Richter Thomas Pleuler ist ein geduldiger Mensch: Gestern kam aber auch er an seine Grenzen. Hintergrund ist der Mammutprozess in Kümmertshausen, über den das Bezirksgericht Kreuzlingen diese Woche wieder verhandelt. Diesmal geht es um Heroin.

Als Zeuge ist der Bruder eines Beschuldigten geladen. Ein 45-jähriger türkischer Kurde aus St. Gallen. Noch bevor er einen Satz sagt, hält er einen Zeitungsausschnitt hoch, erschienen in der «Weltwoche». Darin werde sein Bruder, er selbst und die ganze Familie verleumdet. Er werde mit Menschenschmugglern und Drogenhändlern in einen Topf geworfen. Damit habe er nichts zu tun. Deshalb werde er die Fragen des Gerichts nicht beantworten, eröffnet der Zeuge. Denn wie solle er wissen, was die Medien dann wieder schreiben.

Richter Pleuler versucht dem Mann klarzumachen, dass dies kein gültiger Grund sei für das Recht auf Zeugnisverweigerung. Verweigern könne er eine Aussage, wenn er damit sich selbst oder einen nahen Angehörigen, etwa den Bruder, belaste. Dann wolle er einen neuen Gerichtstermin und dazu einen Anwalt, erklärt der Mann. Um einen Anwalt hätte er sich im Vorfeld selber kümmern müssen, belehrt ihn der Richter. Wenn er an Ort und Stelle keine Aussage mache, riskiere er eine Ordnungsbusse. Das Gericht würde ihn wieder vorladen, doch die Ausgaben für die Extraaufwendungen müsse er tragen. Das könne ihn einige tausend Franken kosten.

Der Mann ist taub für Ratschläge. Er wolle aussagen, aber nicht hier und heute. «Meine Familie wurde in den Dreck gezogen», redet er sich in Rage. Ob das Gericht nicht für jene da sei, denen Unrecht widerfahre. Der Artikel sei nicht das Thema der Verhandlung, betont der Richter.

Der Zeuge kann oder will nicht mehr einlenken:«Ich bin in meinem Stolz und in meiner Ehre verletzt.» Er mache jetzt keine Aussage: Wenn es sein müsse, «dann bekomme ich eine Strafe». Mit abweisend-trotzigem Ausdruck im Gesicht verlässt er den Saal. (san)