KREUZLINGEN: «Komm rüber» oder «bliib däne»

Der ökumenische Internationale Bodenseekirchentag ist in Kreuzlingen und Konstanz zum 17. Mal durchgeführt worden. Die Matinee in Kreuzlingen ging auf das Luther-Buch des deutschen Politikers Heiner Geissler ein.

Hedy Züger
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Das Lutherjahr 2017 spiegelt sich in den Grenzstädten: CDU-Politiker Heiner Geissler diskutiert mit Theologieprofessor Volker Leppin. (Bild: Donato Caspari)

Das Lutherjahr 2017 spiegelt sich in den Grenzstädten: CDU-Politiker Heiner Geissler diskutiert mit Theologieprofessor Volker Leppin. (Bild: Donato Caspari)

KREUZLINGEN. Der prominente CDU-Politiker Heiner Geissler hat ein Buch über den Reformator Martin Luther verfasst; an der Matinee des Bodenseekirchentages im evangelischen Kirchgemeindehaus Kreuzlingen vertrat er Thesen daraus. Rainer Behrens, Theologe und Übersetzer, moderierte das Gespräch. Der Tübinger Theologieprofessor Volker Leppin konterte einige von Geisslers Ansichten in drei Sätzen. Sehr einladend: der Chor Chorellen und die Gastfreundschaft der Kirchgemeinde.

Einheit anstreben

Heiner Geissler (1930) drängt zu einer verstärkten Annäherung unter den Christen, zur Einheit: «Die konfessionelle Spaltung muss so bald wie möglich beendet werden. Die Kirchen handeln unverantwortlich, wenn sie die Trennung aufrechterhalten.» Und: «Auf beiden Seiten muss der Wille da sein, die Einheit zu finden, unter der sanften Regie von Papst Franziskus ist einiges in Gang zu bringen, sogar beim Thema Unfehlbarkeit.»

Die katholische Kirche habe einen grösseren Reformationsbedarf als die evangelische. Rom müsse endlich die Frauen zur Priesterweihe zulassen, Jesus selbst habe Jüngerinnen um sich geschart. «Wenn alle Anwesenden getaufte Christen sind, müssten sie gemeinsam zum Abendmahl zugelassen werden.» Der Begriff «römisch-katholisch» sei schlicht falsch, es könne nur katholisch heissen. Gemeint sei: weltumspannend, nicht römisch-weltumspannend.

Neue Wirtschaftsordnung

Wirtschaftliche Interessen würden bei der verzögerten Einigung eine Rolle spielen, stellt Geissler fest. Nötig sei eine neue Wirtschaftsordnung, eine international gültige Öko-Soziallehre. Die zwei Milliarden Christen auf der Welt seien eine bedeutende Kraft, die es einzusetzen gelte.

Wiederholt sprach Geissler die Nächstenliebe an, sie sei wichtig, oft hart. Die Kirchen müssten nun auch ein positives Verhältnis zum Arbeitsrecht und den Gewerkschaften einnehmen. Er wies auf die Flüchtlinge hin: Afrika sei der reichste Kontinent, die Bodenschätze gehörten den Afrikanern, nicht überseeischen ausbeuterischen Konzernen: «Wir im Westen verursachen die Flüchtlingsströme.»

Taufe ernst nehmen

Geissler sagte, Luther habe die Lehre einer radikalen Emanzipation vertreten: «Das war die Unabhängigkeitserklärung von der Kurie und der Inquisition.» Luther habe die Priesterkirche und die «Ablassindustrie» abgeschafft, der Mensch stehe dem gnädigen Gott direkt gegenüber, jeder Getaufte sei ein Priester. Diskussion statt Dogma, Abendmahlsgemeinschaft, Priesternot und Zölibat, Laienkirche kontra Priesterkirche: das sind einige der vielen Facetten in Geisslers Luther-Buch, das sich mit dem Reformator und der Reformation wie auch mit dem Katholizismus damals und heute auseinandersetzt. Geissler kennt Probleme auf beiden Seiten; in jedem Katholiken stecke auch ein kleiner Protestant. Er selbst ist Katholik, war Novize bei den Jesuiten. Dann wählte er die politische Laufbahn, war während 25 Jahren im deutschen Bundestag in verschiedenen Positionen und ist mit 86 Jahren weiterhin für soziale Aufgaben unterwegs.

Althergebrachtes ablegen

Die Einladung «Komm rüber» oder «bliib däne» sprach Leute mit unterschiedlichen Dialekten an, doch man versteht einander. Der Kontakt ist vielgestaltig, der Grenzzaun längst vergessen. Das gilt für sprachliche, politische, nicht aber für religiöse Unterschiede. Deshalb konnte der 17. ökumenische Kirchentag grenzüberschreitend durchgeführt werden. Althergebrachtes ablegen, Fremden und Flüchtlingen mit neuer Offenheit begegnen – sogar Paulus hatte sich Fremden gegenüber neu positionieren müssen.