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KREUZLINGEN: Im Einsatz für eine bessere Welt

Wenn die Rechte von Arbeitnehmern verletzt werden, ist er zur Stelle. Dabei scheut Stefan Brülisauer nicht vor öffentlichkeitswirksamen Aktionen zurück. Zwei Strafanzeigen hat sich der Sektionsleiter der Unia Thurgau mit seiner Arbeit in den letzten Wochen eingehandelt.
Inge Staub
Der Gewerkschafter Stefan Brülisauer in seinem Büro in Kreuzlingen: «Ich bin nicht radikal, eher unerschrocken.» (Bild: Reto Martin)

Der Gewerkschafter Stefan Brülisauer in seinem Büro in Kreuzlingen: «Ich bin nicht radikal, eher unerschrocken.» (Bild: Reto Martin)

KREUZLINGEN. Mit roten Fahnen marschieren Arbeiterinnen und Arbeiter durch die Strassen. Das Plakat, das im Büro von Stefan Brülisauer in Kreuzlingen hängt, erinnert an den Generalstreik vor vier Jahren in Spanien. Der 28-Jährige ist Sektionsleiter der Gewerkschaft Unia im Thurgau. Er kann verstehen, dass Arbeitnehmer in anderen Regionen Europas zu solchen Massnahmen greifen. Zum Beispiel jüngst in Frankreich. «Die Franzosen haben jahrelang für ihre Rechte gekämpft. Man kann nicht erwarten, dass sie den geplanten drastischen Leistungsabbau einfach hinnehmen.»

Zum Generalstreik wird Brülisauer nicht aufrufen, dennoch sind auch seine Aktionen für Thurgauer Verhältnisse aussergewöhnlich. In den vergangenen Monaten machte er mit einer Aktion vor einer Tankstelle in Romanshorn auf die dortigen Arbeitsbedingungen aufmerksam. Ein anderes Mal betrat er die eingezäunte Baustelle auf Schloss Sonnenberg bei Stettfurt – obwohl ihm dies der Bauleiter untersagt hatte. Beide Aktionen brachten ihm eine Anzeige ein. Die Tankstellenbetreiberin wirft ihm Nötigung vor, der Bauleiter Hausfriedensbruch. «Über die Anzeigen mache ich mir keine Sorgen. Wir sind im Recht», sagt der Gewerkschaftsfunktionär. Die Gewerkschaft habe das Recht, Arbeitnehmer über ihre Rechte aufzuklären. «Wir wissen, in welchem Rahmen wir uns bewegen dürfen.»

Stefan Brülisauer ist eher klein von Statur. Keiner, der drauflos- schlägt. Er redet ruhig, dennoch spürt man, dass er überzeugt ist, von dem, was er sagt. Er stuft sich selbst nicht als radikal ein. Eher als unerschrocken. Auch lasse er sich nicht einschüchtern. «Wozu haben wir einen Gesamtarbeitsvertrag? Wir machen die schwarzen Schafe unter den Bauherren darauf aufmerksam, dass auch sie sich daran halten müssen.»

Sinn für Gerechtigkeit

Der Appenzeller besitzt einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. «Das war schon in der Schule so», erzählt der 28-Jährige. Aufgewachsen in Heiden, setzte sich Brülisauer für seine Mitschüler in der Sekundarschule ein, wenn er den Eindruck hatte, dass diese ungerecht behandelt würden. Heute kümmert er sich um Arbeitnehmer, von denen er glaubt, dass ihnen Unrecht angetan wird. Bei der Tankstelle ging er Mobbingvorwürfen nach, bei der Baustelle auf Schloss Sonnenberg wollte er überprüfen, ob Lohndumping betrieben wird. Trotz seiner gewerkschaftlichen Aktionen bekennt er sich zur Sozialpartnerschaft. Er möchte mit den Arbeitgebern auf Sachebene diskutieren. Die Thurgauer Unternehmer erlebt er als konstruktiv.

Viel Arbeit, wenig Lohn

Zur Unia kam Brülisauer während seiner Lehre zum Maler. Er habe festgestellt, dass er die ganze Arbeit leiste und sein Lohn «sehr gering war im Vergleich zum Gewinn des Unternehmers». Als die Unia Thurgau vor eineinhalb Jahren die Stelle des Sektionsleiters ausschrieb, bekam er den Zuschlag.

Der Appenzeller engagiert sich nicht nur deswegen bei der Unia, weil er sich hier für gerechte Löhne und anständige Arbeitsbedingungen einsetzen kann. Er hat auch übergeordnete, idealistische Ziele: «Jede Generation sollte der nächsten eine bessere Welt hinterlassen.» Die Gewerkschaften hätten die Möglichkeit, auf die Entwicklung der Gesellschaft Einfluss zu nehmen. «Wir zeigen den Leuten auf, dass sich nur dann etwas ändert, wenn sie sich wehren.»

Derzeit ist Stefan Brülisauer mit Thurgauer Verkäuferinnen im Gespräch. Da viele Detailhändler im Thurgau die Ladenöffnungszeiten bis 20 Uhr ausgedehnt haben, müssen Verkäuferinnen oftmals eine lange Mittagspause in Kauf nehmen. «Die Detailhändler müssten mehr Personal einstellen, anstatt ihren Mitarbeiterinnen solch unsoziale Arbeitszeiten aufzubürden», meint der Unia-Mann.

Leute mobilisieren

Auch ist er dabei, Pflegekräfte dafür zu gewinnen, dass sie sich in der Gewerkschaft organisieren. «Wir hören oft, dass die Pflegenden zu wenig Zeit für ihre Arbeit haben.» Ziel der Unia ist es, für die Pflegekräfte einen Gesamtarbeitsvertrag abschliessen zu können. «Das gelingt nur, wenn die Leute mitmachen.»

Wenn er nicht gerade an der Front Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufklärt, beantwortet Brülisauer E-Mails und Anrufe in seinem Büro in Kreuzlingen. Derzeit befasst er sich mit einem Schreiben, in dem ihm mitgeteilt wird, dass ein Arbeitgeber die Löhne nicht ausbezahlt hat. «Ich kläre zunächst ab, wie viele Personen betroffen sind und was die Ursache sein könnte.» Eventuell wird der Rechtsdienst eingeschaltet oder das Gespräch mit dem Betrieb gesucht.

«Bevor wir eine Aktion machen, klären wir die Situation sorgfältig ab. Wir nehmen unsere Verantwortung gegenüber dem Arbeitnehmer ernst.» Brülisauer ist sich bewusst, dass ein allzu forsches Eingreifen der Gewerkschaft zur Folge haben kann, dass einem Arbeitnehmer gekündigt wird.

Doch das Leben von Stefan Brülisauer, der in St. Gallen wohnt, besteht nicht nur aus Gewerkschaftsarbeit. Berufsbegleitend absolviert der 28-Jährige ein Masterstudium Unternehmenspsychologie in Zürich.

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