KREUZLINGEN: Hermann Hess ist vom Abstellgleis gesprungen

Der zurückgetretene Thurgauer FDP-Nationalrat Hermann Hess durfte bei der Rentenreform nicht richtig mittun. Wegen seines Alters habe ihn die Fraktion nicht in die wichtigen Kommissionen geschickt.

Thomas Wunderlin
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Hermann Hess hat zwei Jahre im Nationalrat gesessen. (Bild: Dominic Steinmann/Keystone, (20. November 2015))

Hermann Hess hat zwei Jahre im Nationalrat gesessen. (Bild: Dominic Steinmann/Keystone, (20. November 2015))

Bei ihm sei «keine Spur von Bitterkeit oder Enttäuschung» zurückgeblieben, betonte Hermann Hess mehrfach. Anlass zu solchen Gefühlen hätte sein können, dass der vor zwei Jahren gewählte Nationalrat nicht in die wichtigen Kommissionen entsandt wurde. Stattdessen kam der per 26. November zurückgetretene Thurgauer in die Geschäftsprüfungskommission. An der Mitgliederversammlung der FDP Thurgau in der PH Thurgau in Kreuzlingen verwendete Hess in diesem Zusammenhang das Wort «Abstellgleis». Aufgrund seines Alters habe man angenommen, er werde ohnehin nicht lange in Bern bleiben, und ihn nicht in die wichtigeren Kommission entsandt. Gerne hätte Hess bei der Rentenreform mitgewirkt. Wenn die Fraktion so entscheide, habe er sich gesagt, so fühle er sich auch frei, seine eigenen Dispositionen zu treffen. Von seinen Rücktrittsplänen habe er schon vor drei Viertel Jahren seinen Nachfolger Hansjörg Brunner informiert.

Auch in anderer Hinsicht stand der politisierende Immobilienunternehmer am Rande seiner Fraktion, auch wenn er die FDP samt Präsidentin, neuem Fraktionspräsidenten und neuem Bundesrat ausdrücklich lobte. Hess hält nämlich wenig von den Gründungsmythen der Schweiz, wie sie in der Eingangshalle des Bundeshauses dargestellt sind. Für den Rütlischwur gebe es keinen historischen Beleg, sagte Hess am Dienstag. Die Tellgeschichte basiere auf einem dänischen Märchen, die Helvetia sei eine Allegorie, Winkelried eine erfundene Figur. Seine Fraktionskollegen hätten ihn wegen solcher Ansichten «für einen halben Landesverräter» gehalten. Hess betonte, er liebe die Schweiz. Sie habe das beste politische System. Dieses beruhe auf der Verfassung von 1848, die vom Thurgauer Johann Conrad Kern redigiert wurde. Leuten wie Kern sollte man laut Hess im Bundeshaus ein Denkmal errichten.

In den zwei Jahren in Bern habe er viel Stillstand erlebt. Weder bezüglich der EU noch bei der Armee sei man weitergekommen. Bei der Armee würden Leute mitentscheiden, deren Parteiprogramm die Abschaffung der Armee verlange: «Sie sollten in den Ausstand treten.» Der Wiener Kongress habe die Neutralität der Schweiz 1814 anerkannt mit der Auflage, sich zu bewaffnen; die Schweiz erfülle diese nicht mehr vollumfänglich. Was die EU betrifft, so sei die Stärke der Schweiz immer ihr «Umgang mit den Abhängigkeiten» gewesen. Das sei keine Schande für einen Kleinstaat. Mitten in Europa zu liegen sei besser als mitten in Südamerika oder Südostasien.

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

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