KREUZLINGEN: Die Menschenschmuggler aus St. Gallen

Ein Iraker soll der Boss einer Schleuserbande sein. Die Staatsanwaltschaft Thurgau geht von mindestens 300 illegal nach Europa gebrachten Flüchtlingen aus. Es gibt eine Verbindung zum Tod des IV-Rentners in Kümmertshausen.

Ida Sandl
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Auftakt zum Monsterprozess im Rathaus Kreuzlingen: Hier findet die Verhandlung statt. (Bild: Andrea Stalder (20. Februar 2017))

Auftakt zum Monsterprozess im Rathaus Kreuzlingen: Hier findet die Verhandlung statt. (Bild: Andrea Stalder (20. Februar 2017))

Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

Nasar M. ist nicht gerade ein Sympathieträger. Der 47-jährige Iraker beklagt sich oft. Wenn er antworten soll, schweift er ab, und verliert sich in Nebensächlichkeiten. Keiner weiss, ob dies Taktik ist oder der arabischen Mentalität geschuldet.

Denn Nasar M. ist der Hauptbeschuldigte im Kümmertshausen-Prozess. Die Staatsanwaltschaft fordert 20 Jahre Haft und danach Verwahrung. Drei Tage wurde diese Woche über ihn verhandelt, es ging dabei vor allem um Menschenschmuggel.

Die Ankläger sehen in ­Nasar M. den Boss einer international operierenden Bande von Schleusern, die Flüchtlinge meistens aus dem Irak und Afghanistan illegal nach Europa gebracht habe. Ziele der Flucht seien ­häufig skandinavische Länder ­gewesen. Der Iraker sass bereits wegen Menschenschleusung in Deutschland im Gefängnis. Für die Anklage ist er der Mann im Hintergrund, der andere für sich arbeiten lässt. Von seinem Wohnort St. Gallen aus habe er alles ­koordiniert.

Über Italien nach Griechenland und zurück

Die Schleusungen liefen stets nach demselben Schema ab: Die mutmasslichen Helfer von Nasar M. kauften Occasionsfahrzeuge, angeblich für den Export. Besonders oft kamen sie mit zwei Thurgauer Garagen ins Geschäft. Die Staatsanwaltschaft weiss von mehr als 40 solcher Autokäufe zwischen März 2009 und August 2010. Gefragt waren grössere Wagen wie Audi A6, Chrysler Grand Voyager, Volvo V40.

Die Autos wurden über Ancona in Italien nach Griechenland gefahren. Dafür hätten die Chauffeure zwischen 300 und 800 Franken kassiert, dazu ein Rückflugticket in die Schweiz und ein Weggeld von etwa 500 Franken pro Auto.

In Athen seien die Chauffeure auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums von Nasar M.s dortigen Leuten empfangen worden. Die sollen die Autos übernommen und – falls nötig – für den Menschenschmuggel um­gerüstet haben. Die illegalen Flüchtlinge seien dann mit gefälschten Pässen von Griechenland nach Italien gebracht worden. Dort habe ein anderer Trupp die Flüchtlinge vorübergehend aufgenommen. Dann ging es ­weiter etwa nach Deutschland, Schweden oder Norwegen.

Nasar M. habe den gesamten Transport telefonisch überwacht. Seine Männer hätten ihn jeweils informiert, sobald die Flüchtlinge einen neuen Zwischenstopp erreicht hatten. Zweimal hat die italienische Polizei ein Auto mit illegalen Flüchtlingen in Ancona entdeckt. Viermal vereitelten griechische Polizisten Schleusertransporte. So fand die griechische Küstenwache im Juli 2010 acht Iraker in einem Wohnmobil versteckt. Aufgrund der Chassis-Nummer sei klar, dass die Flucht-Autos im Thurgau oder in St. Gallen eingelöst worden sind. Nasar M. soll die Käufe veranlasst haben.

Die Staatsanwaltschaft schätzt, dass mindestens 300 Flüchtlinge im Auftrag von Nasar M. in die Schweiz, nach Skandinavien oder in andere Länder gebracht worden sind. Sie vermutet, Nasar M. habe sich damit eine goldene Nase verdient. Eine Schleusung koste um die 10 000 Euro pro Person. Nasar M. habe an jedem Flüchtling rund 3000 Franken verdient. Insgesamt mindestens 900000 Franken, das Geld habe er im Irak und in der Türkei in Immobilien und Ländereien investiert.

Zu den Schleusern gehörte auch der Freund des getöteten IV-Rentners aus Kümmertshausen. Er wurde im Mai 2010 in Griechenland verhaftet. In seinem Opel Sintra fand die Polizei eine irakische Familie, fünf Kinder und zwei Erwachsene. Die Verhaftung des Freundes war der Grund, warum sich der IV-Rentner mit der Gruppe um Nasar M. angelegt hatte (siehe Kasten).

Verteidiger sieht keine Basis für Verurteilung

Dass sein Mandant wegen Menschenschleusung verurteilt werden kann, ist für den amtlichen Verteidiger von Nasar M. nicht nachvollziehbar. Es gebe keine konkreten Beweise, dass der Beschuldigte in die Autokäufe verwickelt gewesen sei. Es sei aber auch nicht verboten, Autos zu exportieren. Die Staatsanwaltschaft könne jedoch nicht beweisen, welche Menschen genau Nasar M. wohin geschleust haben soll.

Ausserdem müsse nach dem alten Ausländergesetz ein Bezug zur Schweiz gegeben sein, damit jemand wegen Förderung rechtswidriger Ein- und Ausreise verurteilt werden kann. Dieser Bezug sei aber bei den sechs aufgedeckten Fällen nicht erkennbar. Erst mit dem neuen Recht – gültig seit 2011 – sei Menschenschmuggel auch über eine Schengen-Grenze strafbar. Ab dann seien aber keine Fälle mehr bekannt. Der Verteidiger fordert deshalb Freispruch.

Der Prozess wird am 6. Juni im Rathaus Kreuzlingen fort­gesetzt. Urteile werden erst im nächsten Jahr erwartet.