KREUZLINGEN: Der Patron bleibt

Der Thurgauer Unternehmer Marco Baumann ist eine markante Persönlichkeit im heimischen Who is who. Letzten Sommer hat er das Zepter der Firma Rausch an seinen Sohn übergeben. Doch die Fäden behält er in der Hand.

Annina Flaig
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Der Rausch-Patron Marco Baumann. (Bild: Donato Caspari)

Der Rausch-Patron Marco Baumann. (Bild: Donato Caspari)

Annina Flaig
Annina.Flaig@thurgauerzeitung.ch

Dieser 70-Jährige ist schnurstracks unterwegs. Und das seit 5 Uhr morgens. Marco Baumann ist einer mit Antrieb. Das merkt jeder, wenn man hinter ihm durch die Gänge der Rausch AG stapft. Diese sind so verwinkelt, dass ein Fremder verloren gehen könnte. Baumann macht es sichtlich Spass, durchs Labyrinth zu führen. «Eine alte Schuhfabrik», erklärt er, bevor er ausschert, um im Büro links kurz etwas zu bereden. Weiter vorne beim Kopierer erteilt er einen Auftrag.

Im Sitzungszimmer legt er seinen Filofax auf den Tisch und bestellt bei seiner Assistentin «ein Käfeli». Dann sprudelt es aus ihm heraus. Der Mann mit den markanten Augenbrauen hat die Unternehmensführung im Sommer seinem Sohn Lucas Baumann übergeben. 21 Verträge hat er unterzeichnet, das Firmencredo niedergeschrieben und in Leder gebunden. Dann hat er seinen Chefsessel weitergegeben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Marco Baumann hat auch sein langjähriges Büro vererbt. Zähneknirschend zwar. Aber auch das gehört zur «Lehre des Loslassens».

Er hat alle Coiffeure selbst besucht
Sein Gegenüber mustert er genau. «Die Menschen zu spüren ist das A und O des Verkaufs.» Dafür hatte er ein Faible. Vielleicht war es auch so etwas wie hingebungsvoller Eifer, mit dem er jede Apotheke, Drogerie und 6500 Coiffeure in der Schweiz persönlich besuchte, als er 1968 in die Firma eintrat und später vom Vater übernahm. Zweieinhalb Jahre hat der Shampoohersteller dafür gebraucht. «Eine Firma aufzubauen ist Knochenarbeit», sagt Baumann, dessen Schaffenslust über seine Firma hinaus ging. So war er Mitglied im Vorstand der CVP Kreuzlingen, im Gemeinderat, im Pfarreirat und hatte bis zu 19 verschiedene Ämter inne. Alle zur gleichen Zeit.

Kein Wunder also, dass Marco Baumann ein Kurzschläfer ist. «Ich habe während 49 Jahren meist nicht länger als fünf Stunden geschlafen.» Er hat die Tür zu seiner Firma mit inzwischen 168 Angestellten jeden Morgen auf- und am Abend wieder zugeschlossen – oft spät in der Nacht. Ein Patron von diesem Schlag wird nicht pensioniert.

Baumann ist heute Verwaltungsratspräsident und besucht Rausch-Kunden rund um den Globus. Seit letztem Sommer hat er zwar eine Viertagewoche. Theoretisch. Sich rauszuhalten, fällt ihm aber schwer. «Das schlimmste ist, wenn du den Puls des Unternehmens nicht mehr spürst. Vor allem, wenn es dein Lebenswerk ist.» Sein Sohn mache die Sache sehr gut, betont er.

Doch was ist so spannend daran, Shampoos herzustellen und zu verkaufen? Baumann lässt die Frage im Raum stehen. Mit seinen feinen, fast filigranen Fingern klaubt er aus dem Regal eines seiner Produkte, erzählt von der Kieselsäure des Zinnkrautes, wie es den Zellen in der Kopfhaut gut tut und die Durchblutung anregt. «Ich sage Ihnen, da erhalten Sie nicht nur glänzende Haare. Das Zeug ist gesund.» Man kauft es ihm ab. Baumann, von Sternzeichen Löwe, ist von sich und seinen Sachen überzeugt – und zeigt das auch.

Butler James pflückt Brennnesseln
Aber Löwen haben schon den Schwanz eingezogen und sind abgezottelt. Etwa als der Einkäufer eines Konzerns zu ihm sagte: «Die Qualität deiner Produkte interessiert uns nicht. Uns interessiert die Gewinnspanne.» Da schnürt es ihm das Herz zu, dem Baumann, der die Kräuter für seine Shampoos als Bub eigenhändig pflückte. «Die besten Brennnesseln gab es unten am Rhein zwischen Gottlieben und Konstanz.» Als Kind sei er im Familienunternehmen so etwas wie der Butler James aus «Dinner for One» gewesen. Baumann lacht gern aus vollem Hals. Und wenn es ihm mal nicht zum Lachen zumute ist, klimpert er auf seinem Flügel eine Melodie in Moll.

Der Patron zitiert gern Goethe und beruft sich auch gern mal auf Winston Churchill. Während sein Smartphone unberührt auf dem Tisch liegt, nimmt er den Filofax immer wieder zur Hand. Darin bewahrt er seine Autogramm-Sammlung auf. 400 Personen wie Marcel Ospel, Roberto Blanco oder Udo Jürgens haben ihre Namen in seine Agenda gekritzelt. Zuhinterst befindet sich seine Zitatensammlung aus 40 Jahren. Alle mit Bleistift geschrieben. Eins davon benutzt er besonders gerne, weil dann alle so herrlich verdutzt reagieren: «Jetzt geht’s rund, sprach der Spatz – und flog in den Ventilator.»