KREUZLINGEN: Blochers Abwahl war ihr Weckruf

Als Christoph Blocher im Dezember 2007 aus dem Bundesrat geworfen wurde, war für die damals 14jährige Aline Indergand klar, dass sie in die Politik einsteigen muss. Neun Jahre später ist sie die jüngste Thurgauer Kantonsrätin und hat von der Politik noch lange nicht genug.

Christian Kamm
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«Junge müssen sich Gehör verschaffen», fordert die jüngste Thurgauer Kantonsrätin Aline Indergand (SVP). (Bild: Andrea Stalder)

«Junge müssen sich Gehör verschaffen», fordert die jüngste Thurgauer Kantonsrätin Aline Indergand (SVP). (Bild: Andrea Stalder)

KREUZLINGEN. «Ich habe mitgelitten», sagt Aline Indergand, als sie über ihr politisches Erweckungserlebnis spricht. Und irgendwie scheint das Wetter beim Treffen im Kreuzlinger Hafenrestaurant auch mitzuleiden. Es nieselt. Der Temperatursturz, der über Nacht die Sommerhitze vertrieben hat, lässt einen frösteln. Ein Volksheld sei Christoph Blocher damals für sie gewesen, sagt Indergand. Mit Intrigen und falschen Zugeständnissen habe man ihn aus der Landesregierung abgewählt. «Es hat mir nicht gepasst, wie das gelaufen ist.» Für Aline Indergand war deshalb klar, «dass man etwas machen muss».

Platz für die neue Generation

Sie hat diesen Worten Taten folgen lassen: Jetzt sitzt sie, gerade mal 23jährig, einem als SVP-Kantonsrätin gegenüber. Noch ist vieles neu und der Titel Kantonsrätin erst rund zwei Monate alt. Geblieben ist Indergands Hochachtung vor ihrem politischen Vorbild – allerdings nicht völlig frei von kritischen Zwischentönen. «Man wird älter, und er wird auch älter.» Sie bewundere Christoph Blocher nach wie vor, wie er die Bürgerinnen und Bürger erreiche und die Themen treffe, für seine politische wie die unternehmerische Leistung. Aber es gelte auch, einmal Platz zu machen für die neue Generation.

«Da schmilzt mir das Herz»

Zu dieser neuen Generation zählt Indergand nicht zuletzt sich selbst. Wobei die inhaltliche Nähe zum SVP-Übervater auf Schritt und Tritt spürbar bleibt. Mit den Themen Einwanderung, Durchsetzung von Volksentscheiden, Verteidigung der Traditionen und Werte ist die Jungpolitikerin in die Nationalratswahlen vom Herbst 2015 gezogen. Klassischer SVP-Mainstream. Gibt es keine Themen original Indergand? «Noch nicht», aber sie arbeite daran. Und macht gleichzeitig keinen Hehl daraus, dass sie von dem überzeugt ist, was sie heute vertritt. «Was die Einstellung gegenüber Traditionen betrifft, bin ich einer 60-Jährigen näher als einer 23-Jährigen.» Kürzlich habe sie das Nordostschweizerische Jodlerfest besucht. Die gelebten Traditionen und dieser Zusammenhalt hätten sie tief beeindruckt. «Bei den Treichlern schmilzt mein Herz.» Das wecke in ihr den Nationalstolz. Mit dem Einwand, dass hier eine heile Schweizer Welt zelebriert werde, kann Indergand nichts anfangen. Unser Land sei eben eigen und müsse sich unbedingt gegen aussen behaupten.

Dann erzählt sie von dem schweren Stand, den sie mit ihrer politischen Haltung in der Kantonsschule Kreuzlingen gehabt habe. 2009 organisierte sie ein Podium zur Minarett-Initiative und setzte sich aktiv im Abstimmungskampf ein: «Von da an war klar: Die ist SVP.» Gewisse Leute hätten die Diskussion gesucht, «und ich musste mich verteidigen». Enttäuschender aber sei die Erfahrung gewesen, dass sich Mitglieder der Jungen SVP in diesem Umfeld nicht getraut hätten zuzugeben, dass sie in der Partei sind.

Im Kantonsschulmilieu geächtet, hat Indergand dafür innerhalb der Partei ihren Weg zielstrebig und erfolgreich unter die Füsse genommen. Dass es die SVP sein musste, war für die Jungpolitikerin auch ohne Christoph Blocher klar. Ihr Vater sass bereits für die SVP im Grossen Rat. Um ein Studium machte sie nach der Matura vorerst einen Bogen, absolvierte eine KV-Lehre und arbeitete ein Jahr im Beruf. Unterdessen studiert sie Betriebswirtschaft an der FH St. Gallen und arbeitet gleichzeitig 50 Prozent. Dazu kommt der Gemeinderat in ihrer Wohngemeinde Altnau, in den Indergand 2014 gewählt worden ist, und nun also auch noch das Kantonsparlament.

Viel Arbeit, wenig Freizeit

Ein bisschen viel Arbeit und ein bisschen wenig Freizeit für einen jungen Menschen? «Während des Semesters bin ich ordentlich ausgebucht», antwortet Indergand mit einer Portion Understatement. Aber was sie mache, interessiere sie halt – «es ist kein Müssen». Im Moment setze sie die Prioritäten so. «Und das tue ich gern.» Die spärliche Freizeit reicht sogar fürs Reisen. In den letzten beiden Sommern war Aline Indergand in Kanada. Ein Land, das ähnlich wie die Schweiz funktioniere, «dazu aber diese Weite». Die sei «total inspirierend». In der Schweiz hingegen verenge sich alles.

«Ecke gerne an»

Die Thurgauer Politik ist für ihren auf Ausgleich bedachten Stil bekannt. Und die kooperative SVP Thurgau ist nicht die polarisierende SVP Zürich. Kein ideales Pflaster für jemanden, der am rechten Rand politisiert. Grundsätzlich sei sie kompromissfähig, sagt Indergand über sich. «Das ist aber abhängig von der Sache.» Einiges spricht dafür, dass sich die Tonlage im Grossen Rat zuspitzt und die jüngste Kantonsrätin ihren Beitrag dazu leisten wird. Etwa, wenn sie betont, dass ihr der scharfe politische Kurs zusage. Oder dass es ein Privileg der Jugend sei, weniger Rücksicht zu nehmen und unabhängiger zu politisieren. «Ich ecke schon gerne an», sagt Aline Indergand. Und lächelt dazu.

Bild: CHRISTIAN KAMM

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