KRANKHEIT: Mehr Leben drin als gedacht

Die beiden Landeskirchen gaben den Impuls, um an einer Fachtagung in Ittingen über Demenz zu sprechen.

Drucken
Teilen

«Demenz ist eine Erkrankung, bei der die Medizin an ihre Grenzen stösst», betonte die Frauenfelder Ärztin Christine Luginbühl an der Demenz-Fachtagung in Ittingen. Durch höhere Lebenserwartung nimmt die Zahl von Menschen mit Demenzerkrankungen zu. Eine Herausforderung nicht nur für Politik und Volkswirtschaft, sondern für die ganze Gesellschaft.

Die beiden Thurgauer Landeskirchen stellen sich ihrer gesellschaftlichen Mitverantwortung, schreiben sie in einer Mitteilung. «Dies auch aufgrund der Verunsicherung und Hilflosigkeit, die eine Demenzkrankheit bei Betroffenen, Angehörigen und Freiwilligenteams wie Besuchsdiensten auslösen.» Im Verbund mit 16 Organisationen aus der Ostschweiz, die sich in den Bereichen Medizin, Geriatrie, Pflege, Betreuung, Ausbildung und Freiwilligeneinsatz engagieren, organisierte die Kirche die Demenztagung. Fachleute aus Medizin, Pflege, Palliativ Care, Betreuung und Laien erhielten Einblick in die verschiedenen Fachkompetenzen.

Tränen als Anfang der Therapie

Bernd Ibach, Chefarzt ambulante Alterspsychiatrie und -psychotherapie, Clienia Psychiatriezentrum Frauenfeld, erklärte, eine klare frühzeitige Diagnose erleichtere es allen Beteiligten, besser mit der Situation umzugehen und negative Begleitsymptome einer Demenzerkrankung wie Angst und Depression abzufedern. «Das Diagnosegespräch ist der erste therapeutische Schritt», betonte Irene Bopp-Kistler, Leitende Ärztin ambulante Dienste Memory-Klinik, Stadtspital Waid in Zürich. Was Menschen in den Suizid treibe, sei nicht die Dia­gnose, sondern die Verunsicherung, wenn sie sich nicht ernst genommen wissen und spüren, dass über sie geredet wird. Angehörige von Alzheimerpatienten berichten von einem langen Abschied auf Raten.

Ethische Aspekte beleuchtete Andreas Kruse, Direktor des Gerontologischen Instituts Heidelberg. Er ging auf die Lebensqualität und Menschenwürde von Menschen ein, die ihren letzten Lebensabschnitt nicht mehr selbst bestimmen können. Weit mehr als in der Palliativpflege im Sterbehospiz konfrontiere die Verletzlichkeit der Menschenwürde in der Palliativbetreuung von Menschen mit weit fortgeschrittener Demenz. «Wir verletzen ihre Würde, wenn wir die Lebensqualität nur von aussen betrachten und auf die willentliche Gestaltungsfreiheit reduzieren.» Das werthaltige Fühlen sei noch sehr lange lebensfähig und nicht an rationales Erfassen gebunden. «Demenzkranke können bis zuletzt die Stimmung um sie herum aufnehmen. Es ist noch viel mehr Leben drin, als wir denken, schwingen Sie sich deshalb in die Welt ihrer Wahrnehmung ein», plädierte Kruse für einen tiefgreifenden Perspektivenwechsel in der Kommunikation. Auch die spirituelle Dimension im gemeinsamen Gebet vermittle ein tiefes Gefühl des Getragenseins. (red)