Konzept der Regierung zerzaust

SVP, FDP, SP und der Gemeindeverband weisen das Geriatrie- und Demenzkonzept der Thurgauer Regierung zurück. Sie warnen vor unklaren finanziellen Folgen, unnötigen Parallelstrukturen oder gefährlicher Vermischung zweier Themen.

Christof Widmer
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FRAUENFELD. Der Thurgauer Regierungsrat wird wohl nochmals über die Bücher gehen müssen. Seine Pläne, wie der Kanton den medizinischen Bedürfnissen der wachsenden Gruppe der sehr alten Menschen begegnen will, sind bei einem Teil der Parteien nicht gut angekommen. SVP, FDP und SP fordern vom Regierungsrat, dass er sein Geriatrie- und Demenzkonzept überarbeitet. Auch der Verband Thurgauer Gemeinden fordert Nachbesserungen. Das geht aus den Antworten zur eben abgeschlossenen Vernehmlassung hervor.

In seinem Konzeptentwurf sieht der Regierungsrat neue Strukturen für die Geriatrie sowie die Behandlung von Demenzpatienten vor. So sollen Assessment- und Triagezentren an den beiden Kantonsspitälern entscheiden, wie die Gebrechen eines alten Patienten behandelt werden. An den Spitälern sollen zudem zwei geriatrische Abteilungen entstehen. Für den Umgang mit dementen Patienten wiederum ist einerseits verbesserte Information vorgesehen, wofür unter anderem die Geschäftsstelle der Alzheimervereinigung mit Staatsgeldern ausgebaut werden soll. Für die Früherkennung und Therapie von Demenz sollen zum Teil die neuen geriatrischen Strukturen genutzt werden. Auch Hausarztmedizin (Text unten) und Spitex sollen gezielter zum Einsatz kommen. Angehörige von Dementen sollen an zwei Halbtagen pro Woche subventionsberechtigt entlastet werden.

«Die Kosten sind beträchtlich»

Wie viel die neuen Strukturen kosten, lässt der Bericht zum Teil offen – das betrifft vor allem die finanziellen Folgen für die Gemeinden. Der Verband Thurgauer Gemeinden verweigert dem regierungsrätlichen Konzept die Zustimmung nur schon wegen der unklaren Kostenfolgen. Gleich tönt es bei SVP und FDP. «Die Kosten sind beträchtlich und nicht gesichert», hält letztere fest. Zuerst müsse der Nachweis erbracht werden, dass die neuen Strukturen wirklich effizienter sind.

Für die SVP ist das ganze Konzept ohnehin langfädig und unverständlich. Sie regt an, den Bericht um 80 Prozent zu reduzieren. Dabei müsse auch «die etatistisch-bürokratische Grundhaltung hinter diesem Bericht» überdacht werden. Diesen verantwortet pikanterweise SVP-Gesundheitsdirektor Jakob Stark.

Die FDP wird in ihrer Kritik konkreter: Das Konzept lasse die schon etablierten Strukturen ausser acht. So läge mit den fünf Externen Psychiatrischen Diensten im Kanton bereits eine moderne, dezentrale Versorgungsstruktur vor. Für die Alterspsychiatrie müsse man nicht auch noch Kapazitäten an den Kantonsspitälern aufbauen. Was die eigentliche Geriatrie betrifft, lasse das Konzept mit seinem Fokus auf die Demenz zentrale Fragen offen. Zudem sei absehbar, dass das Konzept gar nicht umsetzbar ist – hierfür fehle das Personal auf dem Arbeitsmarkt.

Zwei eigene Konzepte gefordert

Die SP fordert je ein eigenes Konzept für Geriatrie und für Demenz. Demenz könne nicht nur sehr alte Menschen treffen. Auch die SP sieht die Gefahr von Doppelspurigkeiten durch den Aufbau von Assessment- und Triagezentren und verweist auf die etablierten Externen Psychiatrischen Dienste. Die neuen Zentren widersprechen laut SP dem Ziel einer wohnortnahen dezentralen Versorgung. Die Vermengung von Geriatrie- und Demenzkonzept berge zudem die Gefahr, dass Demenzfälle eher stationär behandelt werden – weil ja die geplanten Geriatrieabteilungen an Kantonsspitälern das stationäre Element stärken.

Auch die Grünen fordern getrennte Konzepte für Geriatrie und Demenz, stimmen aber den wesentlichen Punkten mehrheitlich zu. Weitgehend einverstanden mit dem Konzept der Regierung ist die CVP. Die EVP unterstützt das Konzept, weist aber darauf hin, dass die Umsetzung ein «logistischer Lupf» sei.