KOMMENTAR: Er hat es wieder getan

Allen freundeidgenössischen Drohkulissen zum Trotz: Der Thurgauer Grosse Rat hat seinen Entscheid von 2014 erneuert und sich vom Französisch-Unterricht in der Primarschule verabschiedet.

Christian Kamm
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Er sagt oui, die Mehrheit aber non: Ein Frühfranzösisch-Befürworter versucht, die Parlamentarierinnen und Parlamentarier für seine Sache zu gewinnen. (Bild: WALTER BIERI (KEYSTONE))

Er sagt oui, die Mehrheit aber non: Ein Frühfranzösisch-Befürworter versucht, die Parlamentarierinnen und Parlamentarier für seine Sache zu gewinnen. (Bild: WALTER BIERI (KEYSTONE))

Zwar fiel der Entscheid diesmal mit elf Stimmen Differenz weniger deutlich aus. Aber aller Wahrscheinlichkeit immer noch deutlich genug, um auch die zweite Lesung zu überstehen. Wie ist das möglich? Diese Renitenz in einem Kanton zumal, der bis anhin eher für seine Obrigkeitshörigkeit denn für aufrührerische Anwandlungen bekannt gewesen ist.

Eines vorweg: Das Parlament hat sich seinen Entscheid nicht leicht gemacht. Keine Spur von Nonchalance, oberflächlicher Verweigerungshaltung oder demonstrativer Ignoranz gegenüber den welschen Compatriotes. In dieser Debatte wurde gerungen. Mit sich und den anderen. Das lässt sich allein schon an der langen Liste der zitierten Dichter und Denker ablesen, die in der Sache bemüht worden sind.

Es siegte die Haltung, dass es keinen vernünftigen Grund geben könne, Primarschüler Frühfranzösisch-Lektionen absitzen zu lassen, von deren Output im Thurgau viele je länger je weniger überzeugt ist. Keine Absage also ans Französisch. Sondern ein Votum für einen - zumindest in den Augen der Befürworter – effizienteren, konzentrierteren und damit besseren Sprachunterricht auf der Oberstufe.

In den Fokus gerät mit diesem Verdikt vor allem das Erziehungsdepartement von Regierungsrätin Monika Knill (SVP). Ihr ist es weder gelungen, die Mehrheit des Grossen Rates von der Existenzberechtigung des Frühfranzösisch zu überzeugen, geschweige denn die eigene Fraktion. Die kurz vor dem Showdown und aus taktischen Gründen präsentierten Verbesserungsvorschläge kamen viel zu spät, um über den pädagogischen Kuchen hinaus volle Wirkung entfalten zu können. Und man fragt sich zurecht: Was haben die Verantwortlichen eigentlich in den vergangenen vier Jahren getan?

Et maintenant? Alles läuft nun auf eine kantonale Volksabstimmung hinaus. Die 30 Kantonsräte, die es in der kommenden Schlussabstimmung dafür braucht, werden sich problemlos finden lassen. Den Anhängern des Frühfranzösisch zum Trost: Noch ist der Thurgau also nicht verloren. Und noch manches gewichtige Zitat wird für oder gegen den Frühfranzösisch-Unterricht herhalten müssen.

<em>christian.kamm@thurgauerzeitung.ch</em>