Kluge Chefs delegieren

Urs Fischbacher, Leiter des Thurgauischen Wirtschaftsinstituts, hat im Laborexperiment getestet, wie Verantwortung zugewiesen wird – und gezeigt, wann sich Delegieren lohnt.

Kaspar Enz
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Urs Fischbacher leitet das Thurgauer Wirtschaftsinstitut. (Bild: Kaspar Enz)

Urs Fischbacher leitet das Thurgauer Wirtschaftsinstitut. (Bild: Kaspar Enz)

kreuzlingen. «Gerade heute spricht man viel über Verantwortung», sagt Urs Fischbacher. Die Finanzkrise oder die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko werfen die Frage auf, wer dafür die Verantwortung trägt. Denn «wer die Verantwortung hat, erhält auch Anerkennung und Kritik», sagt der Leiter des Thurgauer Wirtschaftsinstituts. Mit einem Experiment hat sich Fischbacher des Themas angenommen.

Die Ergebnisse dieser Forschung wird er heute abend in Kreuzlingen am Bodensee Wirtschaftsforum präsentieren, wo auch Ständerat Hermann Bürgi, Bernina-Chef Hanspeter Ueltschi und der Theologe Markus Ries die Verantwortung aus ihrer Sicht beleuchten.

Entscheiden oder abschieben

Im Zentrum von Urs Fischbachers Interesse standen Entscheidungsketten.

Verantwortung und die damit verbundenen Entscheidungen können delegiert werden «oder eben abgeschoben», sagt Fischbacher. Bereits vor rund 500 Jahren schrieb der italienische Staatsphilosoph Niccolò Machiavelli: «Der Fürst sollte alle harten Massregeln durch andere ausführen lassen und Gnadensachen sich selbst vorbehalten.»

824 Studenten der ETH und der Uni Zürich nahmen am Experiment teil. Sie wurden aufgeteilt in Vierergruppen. Spieler A war der «Diktator». Er konnte entscheiden, ob er 20 Punkte fair unter allen vier Spielern verteilt, also jedem Spieler fünf gibt, oder unfair. Er konnte die Entscheidung aber auch an Spieler B delegieren. Die «unfaire» Zuteilung hätte geheissen, dass die Spieler A und B je neun Punkte erhalten, die anderen zwei Spieler nur je einen.

Einer der beiden dritten Spieler konnte aber eine Strafe aussprechen: Er konnte einen Punkt abgeben, um anderen Spielern bis zu sieben Punkte abzuziehen. Zahlen muss C für die Strafe, um sicherzugehen, dass es eine uneigennützige Entscheidung darüber ist, ob die gewählte Verteilung fair oder unfair sei. «Wer rein eigennützig handelt, straft so nicht.» Uneigennützige Strafe kostet am Ende Geld – denn für jeden Punkt, den die Probanden auf ihrem «Konto» hatten, wurden ihnen drei Franken ausgezahlt.

So sollen die Entscheidungen möglichst realistisch sein.

Machiavelli hatte recht

Das Ergebnis ist für Fischbacher klar: Machiavellis Feststellung stimmt. Traf A die unfaire Entscheidung selber, wurde er mit Abstand am häufigsten und härtesten von den Cs bestraft. Delegierte er die Entscheidung an B, wurde A – als oberster Entscheidungsträger – zwar auch manchmal bestraft, aber weit weniger als B. A hat also einen Anreiz, die Entscheidung zu delegieren.

Denn «man schaut auf das Ergebnis und fragt, wer schuld daran ist», sagt Fischbacher. «Die Schuld wird demjenigen gegeben, der den grössten Einfluss auf das unfaire Ergebnis hatte.»

Ganz realistisch sei das Experiment zwar nicht, gibt Fischbacher zu. Normalerweise behalte ein Chef eine gewisse Kontrolle über das Ergebnis, auch wenn er die Entscheidung delegiere. Trotzdem könnten Experimente wie dieses verstehen helfen, wie sich Leute verhielten.

Auf der Basis solcher Versuche werden Theorien entwickelt, um auch bessere Prognosen machen zu können.

Grosse Freiheiten

Dieser Art von Forschung ist das Thurgauer Wirtschaftsinstitut gewidmet. «Bei meiner Forschung habe ich inhaltlich grosse Freiheiten, das ist sehr angenehm», sagt Urs Fischbacher. «Der Stiftungsrat ist vor allem an qualitativ guter Forschung interessiert» – und das geschieht auch.

Mit Simon Gächter, der unterdessen an der Universität Nottingham lehrt, wird Fischbacher bald einen Artikel im «American Economic Review» veröffentlichen, einem der angesehensten ökonomischen Fachmagazine weltweit.