Klimaerwärmung durch Meteorologen

Die «Weltwoche» wirft dem Thurgauer Regierungsrat vor, bei der Darstellung der Klimaerwärmung einen Propagandatrick anzuwenden. Daraus ergebe sich eine Temperaturzunahme, wie sie der Weltklimarat nur in extremsten Szenarien befürchte.

Thomas Wunderlin
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FRAUENFELD. Für den Thurgau seien nur wenige lange Zeitreihen verfügbar, bedauert der Regierungsrat. Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert sei jedoch ein Trend zu steigenden Temperaturen zu beobachten, erklärt er in der Antwort auf eine Interpellation von Brigitta Hartmann (Ausgabe vom 11. April). Die Weinfelder GP-Kantonsrätin bezog sich auf zwei im Frühjahr 2014 veröffentlichte Teilberichte des Weltklimarats IPPC; sie wollte wissen, wie der Kanton Thurgau das Klima schützen könne.

Insgesamt bewege sich die Erwärmung in der Ostschweiz im Schweizer Mittel, schreibt der Regierungsrat weiter: «Die am nächsten gelegenen Stationen Zürich und St. Gallen weisen über die Jahre 1961 bis 2010 eine Temperaturzunahme von 0,38 °C bzw. 0,40 °C pro Dekade aus.»

0,4 oder 0,14 Grad pro Dekade

Der Regierungsrat mache mit den Messreihen von Meteo Schweiz Propaganda, kommentiert der Weinfelder Journalist Markus Schär in der neusten «Weltwoche»: «Eine solche Temperaturzunahme würde bis 2100 zu einer Klimaerwärmung um bis zu vier Grad führen – was selbst der IPCC nur in seinen extremsten Szenarien befürchtet.» Der Propagandatrick bestehe darin, dass ein aussergewöhnlich kaltes und ein aussergewöhnlich warmes Jahr als Eckwerte verwendet werden. In Zürich sei die Temperatur von 1961 bis 2010 tatsächlich um 2,5 Grad gestiegen. Vom Beginn der Messungen 1864 bis 2009 seien es aber nur gut 2 Grad: Das ergebe eine Zunahme von 0,14 Grad pro Dekade. Zu erklären sei sie im wesentlichen dadurch, dass im 19. Jahrhundert eine kleine Eiszeit zu Ende ging. Schär will mit dem Beispiel belegen, dass die Klimaerwärmung mindestens teilweise tatsächlich menschengemacht ist – indem die Meteorologen ihre Messdaten nach oben korrigierten. Ein weiteres Beispiel ist eine Grafik von Meteo Schweiz, in der eine Temperaturkurve um 1980 nach oben springt. Wie Schär ausführt, wurden lediglich schlecht gelüftete Wetterhütten durch ein Automatennetz ersetzt und die Meteorologen verrechneten sich bei der dadurch notwendigen Korrektur der Daten.

Sie habe Schärs Artikel mit Interesse gelesen und er stimme sie nachdenklich, erklärt Regierungsrätin Carmen Haag. «Wir massen uns nicht an, Expertenberichte in aller Tiefe zu hinterfragen oder gar unsere eigenen Daten in diesem Zusammenhang zu erheben.» Sicher sei, dass die Luft einer riesigen Deponie gleiche. Ihr Schutz sei eine grosse Herausforderung, weil der Abfall nicht direkt sichtbar sei. Wenn die Klimaerwärmung nicht so schlimm sei, wie bis anhin angenommen, so sei das «eine sehr positive Nachricht». Die Anliegen würden dennoch dieselben bleiben und sie seien berechtigt. Der Regierungsrat liess sich mit der Interpellationsantwort ein Jahr Zeit – gemäss Geschäftsordnung des Grossen Rats die maximal zulässige Frist. Darin legt er nun dar, dass der Kanton insbesondere in der Landwirtschaft und der Energiepolitik diverse Massnahmen ergriffen hat.

Der Regierungsrat habe die Zusammenhänge zwischen extremen Wetterereignissen und Klimawandel erkannt, findet Hartmann, deren Interpellation der Grosse Rat an seiner heutigen Sitzung traktandiert hat. Gemäss Weltklimarat sei die Erwärmung des Klimasystems eindeutig. «Für alle relevanten Themen unserer Gesellschaft finden sich immer Mitmenschen, welche – aus welchen Gründen auch immer – das Gegenteil von dem behaupten, was Sache ist.»

Bodensee liefert weiter Wasser

Im übrigen sind in der Antwort des Regierungsrats auf Anhieb keine weiteren mutmasslichen Propagandatricks zu erkennen. Unter anderem werden Versuche mit Nutzpflanzen wie Luzerne erwähnt, die wenig Wasser brauchen. Das Landwirtschaftsamt beschäftige sich aktuell mit einem wärmeliebenden Unkraut, dem Erdmandelgras, teilt der Regierungsrat mit. Im Rahmen des Energieförderprogramms seien letztes Jahr 1230 Gesuche bewilligt worden. Das spare rund sechs Millionen Liter Erdöl ein. Beruhigend wirkt die Prognose, dass der Bodensee auch bei längeren Trocken- und Hitzeperioden wahrscheinlich genug Wasser haben werde.

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