Kleine Krebse in grosser Mission

Bachflohkrebse sind zuverlässige Indikatoren der Wasserqualität. Die «Gammariden» reagieren sensibel auf Pestizide im Wasser. Im St. Galler Rheintal und im Kanton Thurgau laufen Feldversuche in kleinen Fliessgewässern.

Julia Nehmiz
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Biologin Vera Leib freut sich beim Auszählen über jedes überlebende Tierchen – ein Indiz für die gute Wasserqualität im Bach. (Bild: Luca Linder)

Biologin Vera Leib freut sich beim Auszählen über jedes überlebende Tierchen – ein Indiz für die gute Wasserqualität im Bach. (Bild: Luca Linder)

ST. GALLEN. Beherzt steigt Vera Leib den Abhang hinunter und in den Bach. Die Gewässerbiologin des Amtes für Umwelt und Energie im Kanton St. Gallen fischt einen Korb aus dem Wasser. Sie will nach den 50 Bachflohkrebsen schauen, die sich in fünf Plexiglasröhren tummeln. «Gammariden reagieren sensibel auf Verunreinigungen», sagt Leib, «Anhand ihres Fressverhaltens und Überlebens können wir Rückschlüsse über die Qualität des Wassers ziehen.»

Das ist mühsame Kleinarbeit. Aber effizient. «Im Kanton St. Gallen haben wir viereinhalbtausend Kilometer Fliessgewässer, die können wir schon aus Kostengründen nicht alle durch chemische Analysen überprüfen.» Der «Ökotoxtest» biete eine günstige und zuverlässige Alternative.

Einfacher Test – gutes Ergebnis

Entwickelt wurde der Test von Almut Gerhardt und ihrer Firma LimCo International GmbH in Konstanz. Im Rahmen des Interreg-IV-Projektes «Ökotoxikologischer Index im Bodenseeraum» kam er nach St. Gallen. Der Test wird in verschiedenen Bodenseezuflüssen erprobt. Anhand von bereits vorhandenen biologischen und chemischen Daten der Wasserqualität suchen Vera Leib und ihre Kollegen in den Kantonen St. Gallen und Thurgau Bäche in Bodenseenähe aus, in denen der «GamTox»-Feldtest mit Bachflohkrebsen zum Einsatz kommt. «Dieses neue umwelttoxikologische Konzept ist eine einfache, preisgünstige und aussagekräftige Vollzugsmethode für die Kantone», sagt Erfinderin Almut Gerhardt, «es kann ohne Laboraufwand oder teure Ausrüstung durchgeführt werden.»

Erlenblätter aus Oberbüren

Vera Leib stimmt dem zu. Sie leert die Bachflohkrebse aus einer Plexiglasröhre in eine Wasserschale, zählt sie und schaut, wie viel die Gammariden von den Erlenblättern gefressen haben. «Die Bachflohkrebse haben eine Lebenserwartung von wenigen Monaten und können auch an Altersschwäche sterben, nicht nur wegen verschmutztem Wasser», sagt sie. Deshalb sei es wichtig, mit einer grossen Anzahl von Gammariden die Versuche durchzuführen, um ein möglichst genaues Ergebnis zu erhalten. «Wir arbeiten den Test weiter aus und müssen auf die Standardisierung achten», erklärt die Biologin. Das Futter für die Bachflohkrebse hole sie immer vom selben gesunden Baum. «Wenn ich in Oberbüren Erlenblätter pflücke, ernte ich manchmal auch verwunderte Blicke», lacht sie. Mittlerweile habe sie sich an fragende Mienen gewöhnt. «Es schaut wohl seltsam aus, wenn ich Egel aus dem Wasser ziehe oder nach Gammariden fische.»

Obstbaugebiete im Blick

Letztere hat sie mittlerweile abgezählt. «Das sieht gut aus hier», sagt Leib, «ich freue mich über jedes überlebende Tierchen, denn das zeigt, dass das Wasser von guter Qualität ist.» Sie verstaut die Röhren wieder in dem Plastikkorb, versenkt ihn im Bach und vertäut alles, damit die kleine Anlage nicht wegschwimmt. Zwei bis sechs Wochen läuft ein Versuch. Zurzeit testet Vera Leib einen Bach im Rheintal: «Wir untersuchen Hot-Spot-Gebiete: Bäche in der Nähe von Industrie- oder Obstanbaugebieten.» Also dort, wo Chemikalien oder Pestizide ins Wasser gelangen könnten. Einmal pro Woche überprüft Vera Leib die Station und die Bachflohkrebse.

Und was sind die Konsequenzen? «Hier sieht es wie gesagt gut aus, wir müssen wohl keine weiteren Untersuchungen durchführen», sagt sie. Anders beim zuletzt untersuchten Bach. Dort konnte sie keine Gammariden auffinden: weiter bachaufwärts wurde ungeklärtes Abwasser in den Bach geleitet. Eine Kleinkläranlage war defekt – unbemerkt. «Wir sind nicht zum Strafen da», sagt Leib, «wir decken Missstände auf und helfen, diese zu beheben.»

Zurück zu «kleinen Monstern»

In einem halben Jahr schaue sie dort wieder nach, ob und wie sich Gammariden und andere Wasserwirbellose angesiedelt haben. Hat sich der Bach erholt, freut sich Vera Leib über den Anblick der «kleinen Monster». Und vielleicht beobachten Spaziergänger verwundert, wie eine junge Frau freudestrahlend im Bach steht.