KLANGKUNST: Das erste Ohrenkino der Schweiz

Die Welt von Stefan Philippi sind Klänge. In seiner Werkstatt in der alten Saurer-Dreherei baut der Sechzigjährige Objekte und bringt sie wundersam zum Erklingen. Im Sommer eröffnet er in Arbon ein Ohrenkino.

Max Eichenberger
Merken
Drucken
Teilen
Stefan Philippi bespielt in seiner Werkstatt für skulpturale Klangkunst ein aus Aluminiumrohren gebautes Objekt. (Bild: Max Eichenberger)

Stefan Philippi bespielt in seiner Werkstatt für skulpturale Klangkunst ein aus Aluminiumrohren gebautes Objekt. (Bild: Max Eichenberger)

Max Eichenberger

max.eichenberger@thurgauerzeitung.ch

«Ich klopfe immer irgendwo drauf, streiche da oder dort drüber und achte auf den Klang, der dabei entsteht. Es gibt kein Material, das nicht klingt.» Stefan Philippi belegt in seinem Klangreich in Arbon zwischen Altstadt und See diese Behauptung. Den 60-Jährigen fasziniert die Welt der Klänge. «Darin gibt es Wunder zu entdecken.» Der gebürtige Saarländer entlockt sie Steinen, Holz, Metallen, Baumaterialien, Kunststoffen, Federn. Viel Rohmaterial für den Bau seiner Objekte bezieht er in Baumärkten.

Der Raum ist überstellt mit fertigen und halbfertigen Installationen. Wenn man sie antippt, bewegt, bespielt oder in den Wind stellt, klingen sie. Es sind Resonanzkörper, bestückt mit einer meist einfachen Klangmechanik. Stefan Philippi hat eine Idee und arbeitet mit dem Zufall. Er experimentiert lustvoll, wie die Schwingung von einem Körper zum nächsten transportiert werden kann. Zum Beispiel von angeschlagenen Aluminium-Rohren auf Federstahl-Saiten, an deren Aufhängung ein Resonanzschirm als Verstärker wirkt.

«Hier gibt es noch eine lebendige Volksmusik»

Als Jugendlicher hat Stefan Phi­lippi schon Trommeln gebaut. Nach dem Abitur wollte er etwas Handwerkliches machen. Und erlernte das Schreinerhandwerk, machte Ausbildungen im Instrumentenbau und in Musikpädagogik. Ein Klangstuhl steht noch in seiner Werkstatt. Am Rückenteil sind Module mit gespannten Saiten angebracht. Die Erfahrung, auf diesem Stuhl zu sitzen und durch das Bespielen der Saiten sich selber als Klangkörper wahrzunehmen, fasziniert. Getrieben, Grenzen zu sprengen und neugierig Wege weiterzugehen, sei nach dem Umzug in die Schweiz die Entwicklung vom Nischen-Ins­trumentenbauer zum Klangkünstler logisch gewesen. «Ich bin besessen, Möglichkeiten der Klangerzeugung auszuloten.»

In der ehemaligen Saurer-Fabrik zwischen Altstadt und See hat er 2005 ein inspirierendes Umfeld dafür gefunden. Einmal räumlich – und ebenso durch die Weite des nahen Sees. Dann auch kulturell. Die Schweizer erlebt Philippi als offen und seiner Arbeit gegenüber zugänglich. Das hat ihn erst verblüfft. «Ich habe mich schon gefragt: warum ist das so?» Es habe wohl damit zu tun, «dass es hier noch eine lebendige Volksmusik gibt». Tradition erde in einer Zeit, die von schrillen Tönen und Hektik beherrscht werde. «Wir werden im Alltag fast überall berauscht.» Seine Klangobjekte erschliessen meditative Sinneserfahrungen.

Klänge erzeugen Bilder – da kam ihm die Idee

Archaisch-urchige und bisweilen sphärisch anmutende Klänge einiger Objekte, die der Begründer der Arbonale, des Klangkunstfestivals am See, bespielt, wecken Assoziationen zum Talerschwingen oder heimatlichen Kirchengeläute. «Ich baue Instrumente, experimentiere mit Materialien. Ich nenne es skulpturale Klangkunst.» Darin bewege er sich «zwischen konservativ-archaischer Musik und Elektronik».

In seiner Klangwerkstatt gibt Stefan Philippi Konzerte für kleine Gruppen. Begleitet von Erika Brunner mit ihrer Bambusflöte. «Statt dass die Objekte, die ich für Ausstellungen verwende, her­umstehen oder -hängen, macht es Sinn, sie erklingen zu lassen.» «Suiten für Ohren», betitelt er die Improvisationen. Die maximal zehn Besucher sitzen in Liegestühlen, mit schwarzer Augenbinde. Sie lauschen – und sehen dabei Bilder. Dieses Feedback brachte Philippi auf die Idee, im ZiK-Gebäude nebenan das erste Ohrenkino in der Schweiz zu realisieren – neben der ehemaligen Saurer-Fahrzeug-Waschanlage.

Die Kultur-affinen Eigentümer stellen im Zuge des Umbaus des ganzen Trakts den Raum bereit. Die jetzige Werkstatt, die zu Wohnungen umfunktioniert wird, kann Philippi neben dem Ohrenkino einrichten. Dieses soll im Spätsommer 2018 eröffnen. Und nahe der Seepromenade zu einer niederschwelligen Kulturinstitution in Arbon werden. «Die Domain www.ohrenkino.ch habe ich schon mal gesichert.»