KIRCHENAUSTRITTE: Raus und rein

Wenn Eltern keine Kirchensteuer zahlen, ihr Kind aber in den Religionsunterricht schicken, flattert ihnen oft eine Rechnung ins Haus. Das bewegt viele zum erneuten Eintritt.

Ida Sandl
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Die Bibel verstehen lernen: Der Religionsunterricht vermittelt nicht nur den Glauben, sondern auch unsere Kultur. (Bild: Fotolia)

Die Bibel verstehen lernen: Der Religionsunterricht vermittelt nicht nur den Glauben, sondern auch unsere Kultur. (Bild: Fotolia)

Aadorf macht's. Kreuzlingen ebenfalls. Und viele andere auch: Sie bitten Eltern zur Kasse, die aus der Kirche ausgetreten sind, ihre Kinder aber in den Religionsunterricht schicken.

300 Franken im Jahr verlangt die Evangelische Kirchgemeinde Aadorf. «Nicht so viel, dass es weh tut, aber doch ein Betrag, den man spürt», sagt Präsident Stefan Kormann. Etwa sechsmal im Jahr kommt so etwas vor. Einzelne Eltern seien erbost und würden ihre Kinder deswegen aus dem Unterricht nehmen. Die meisten hätten Verständnis und einige würden wieder in die Kirche eintreten.

In Kreuzlingen ist dies sogar die Regel, beobachtet der evangelische Kirchenpräsident Thomas Leuch. Entweder haben die Eltern nachgerechnet, dass es billiger kommt, Kirchensteuer zu bezahlen. Oder sie überdenken ihren Kirchenaustritt. «Vielleicht merken sie, dass es Konsequenzen hat, nicht mehr zur Kirche zu gehören», mutmasst Leuch. Möglich auch, dass die Kirche für sie wichtiger geworden ist.

Kirchgemeinden haben freie Hand

Konfessionslose Eltern, die ihre Kinder in den Religionsunterricht schicken, sind die Ausnahme. Trotzdem drängten die evangelischen Kirchenpräsidenten im Thurgau auf eine Regelung. In der Kirchenordnung ist seit zwei Jahren ein Paragraph verankert, der den Kirchgemeinden freie Hand lässt. Sie können wählen, ob sie den Eltern ihren Religionsunterricht verrechnen oder nicht.

Gegner und Befürworter einer finanziellen Abgeltung würden sich im Thurgau in etwa die Waage halten, schätzt Kirchenrätin Ruth Pfister. Sie sagt: «Mich freut es, wenn sich Konfessionslose für den evangelischen Religionsunterricht begeistern.» Kirchenpräsident Kormann geht es auch weniger ums Geld als vielmehr ums Prinzip. «Ich wollte ein Signal senden, an jene, die regelmässig Kirchensteuern zahlen.»

Bei den Thurgauer Katholiken sind die Kosten des Religionsunterrichts ebenfalls nicht kantonal einheitlich geregelt. Die Landeskirche hat aber eine klare Präferenz: «Wir motivieren zur Grosszügigkeit», sagt Daniel Ritter, der die Fachstelle Katechese leitet. Er sieht den Religionsunterricht auch als Chance, die Menschen zu erreichen. Ritter ist keine katholische Kirchgemeinde im Kanton Thurgau bekannt, die den Religionsunterricht den Eltern in Rechnung stellen würde.

Ein Moslem bei den Katholiken

In Frauenfeld sass auch schon ein moslemisches Kind im katholischen Unterricht. Dass Kinder orthodoxen Glaubens oder von konfessionslosen Eltern den Unterricht besuchen, komme immer wieder vor. Zur Kasse bittet die Kirchgemeinde die Eltern aber nicht. «Wir können uns das leisten», sagt Kirchenpräsident Lukas Leutenegger. Es seien weniger als zehn Prozent nichtkatholische Kinder.

Anders sieht es aus, wenn Konfessionslose ein christliches Begräbnis wünschen. Eine Beerdigung sei teurer. «Wir sagen dann, dass wir gerne einen Beitrag für Sozialprojekte hätten.»

Weil es so selten vorkommt, stellt auch die Katholische Kirche Arbon keine Rechnung. «Das betrifft alle zwei Jahre mal ein Kind», sagt Präsident Dominik Diezi. Einmal sei die Mutter ausgetreten, das Kind sei aber in der Kirchgemeinde verblieben. «Wir haben schliesslich auch einen Verkündigungsauftrag», sagt Diezi. Sollten sich die Fälle häufen, «müssten wir das Ganze neu anschauen».