Kirche sucht Platz für Flüchtlinge

FRAUENFELD. Die Landeskirchen richten eine Arbeitsgruppe ein, um ihr Engagement im Asylbereich zu verstärken. Katholische Kirchgemeinden sind aufgefordert, leerstehenden Wohnraum zu melden. Doch dieser Aufruf blieb bisher unerhört.

Silvan Meile
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Das Durchgangsheim in Frauenfeld bietet Asylsuchenden nebst fünf weiteren Durchgangsheimen im Kanton eine Unterkunft. (Archivbild: Susann Basler)

Das Durchgangsheim in Frauenfeld bietet Asylsuchenden nebst fünf weiteren Durchgangsheimen im Kanton eine Unterkunft. (Archivbild: Susann Basler)

Die Kirche bereitet sich auf ein verstärktes Engagement in der Flüchtlingshilfe vor. In einem Schreiben fordert die Katholische Landeskirche Thurgau ihre Kirchgemeinden auf zu prüfen, ob diese Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung stellen könnten. Ausserdem hätten die beiden Landeskirchen eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die das langfristige Engagement der Kirchen für Flüchtlinge ausbauen und weiter fördern soll, sagt Urs Brosi, Generalsekretär der Katholischen Landeskirche.

Wo ist zusätzliche Hilfe nötig?

Noch zogen die grossen Flüchtlingsströme der vergangenen Tage über die Balkanroute an der Schweiz vorbei. Am Bahnhof Buchs etwa, wo einreisewillige Asylsuchende erwartet werden, waren bisher Polizisten und Journalisten gegenüber ankommenden Flüchtlingen eher in der Überzahl. «Das kann sich aber schnell ändern», sagt Brosi. Deshalb überlegt sich die Kirche schon heute, welchen Beitrag sie nebst dem bisherigen Engagement für die Asylsuchenden noch leisten kann, um einen allfälligen Ansturm an Flüchtlingen bewältigen zu können.

«Wir wollen nicht die staatlichen Aufgaben übernehmen, die etwa die Stiftung Peregrina für Flüchtlinge im Auftrag des Kantons Thurgau erfüllt», erklärt Brosi. Vielmehr gelte es abzuklären, wo zusätzliche Hilfe möglich und erwünscht sei. Die Landeskirche verstehe sich eher in einer Mittlerfunktion, etwa die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung zu bündeln und diese an den Kanton, die Gemeinden oder Institutionen zu vermitteln.

Keine leeren Klöster im Thurgau

«Bis jetzt ist noch keine Meldung eingegangen, dass in einer Kirchgemeinde Wohnraum zur Verfügung steht», sagt Brosi. Obwohl der Brief bereits vor zwei Wochen verschickt wurde. Das überrasche ihn nicht. Die Kirchgemeinden würden kaum über leerstehende Liegenschaften verfügen. Ungenutzte Pfarrhäuser seine meist als Wohnhäuser vermietet oder sogar einst verkauft worden. Durch die Aufhebung der Klöster im Thurgau im Jahr 1848 sind diese Gebäude heute fast ausschliesslich als öffentliche Einrichtungen genutzt.

Es sei auch nicht das primäre Ziel des Schreibens gewesen, sofort leeren Wohnraum zu finden, sagt Brosi. Bei der Kündigung eines Mieters könnte aber nun dieses Anliegen in Erinnerung gerufen werden. Wichtig sei ausserdem, dass die mögliche Unterbringung von Flüchtlingen nun einmal thematisiert wurde. Denn in der Bevölkerung sei einerseits eine grosse Hilfsbereitschaft zu erkennen, anderseits könne auch Angst aufkommen, wenn Flüchtlinge ins eigene Dorf kommen sollen. Nicht zuletzt das Beispiel im st. gallischen Amden habe letzteres gezeigt. Das Kloster Baldegg will dort das Kurhaus dem Kanton als Asylunterkunft vermieten. Das stösst auf erbitterten Widerstand aus der Bevölkerung.

Kirchen bieten Notfallhilfe

Auch die Evangelische Landeskirche verschickte ihren Kirchgemeinden einen Brief. «Wir sehen derzeit keinen Anlass, zusätzliche Anstrengungen zu übernehmen», sagt Ernst Ritzi, Aktuar der Evangelischen Landeskirche. Mit einem Aufruf an die Kirchgemeinden, Wohnraum zur Verfügung zu stellen, würde man erst gelangen, wenn sich die Situation ankommender Flüchtlinge verschärfe. Würden aber plötzlich Hunderte von Flüchtlingen an der Grenze stehen, dann könnte man natürlich kurzfristig Räume und Infrastruktur in Kirchgemeinden zur Verfügung stellen, sagen Ritzi wie auch Brosi.

Durchgangsheime sind voll

Der Bund habe aufgrund der aktuellen Flüchtlingsströme seine Prognose von insgesamt 29 000 Asylgesuchen im Jahr 2015 bisher nicht nach oben korrigiert, sagt Florentina Wohnlich, Leiterin des Thurgauer Sozialamtes. Somit wird nicht mit einem massiven Zustrom von Flüchtlingen auf die Ostschweiz gerechnet. Trotzdem sind die Durchgangsheime im Kanton bereits heute ausgelastet. Deshalb habe man die Gemeinden angeschrieben, ihre freien Kapazitäten zu melden. «Es wird Engpässe geben», sagt Wohnlich, bleibt aber gelassen.

Urs Brosi Generalsekretär der katholischen Landeskirche Thurgau (Bild: Donato Caspari)

Urs Brosi Generalsekretär der katholischen Landeskirche Thurgau (Bild: Donato Caspari)