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KINDSWOHL: Nach Kesb-Fehlentscheid: Eine Thurgauerin kämpft um ihre Tochter

Eine Brasilianerin, die im Thurgau wohnt, kämpft vergeblich darum, dass ihre sechsjährige Tochter bei ihr leben darf. Eine Walliser Kesb hatte die Obhut dem Vater zugesprochen, revidierte dann den Entscheid. Doch da war es zu spät.
Thomas Wunderlin
Sophia Laura dos Santos betrachtet wehmütig ein Foto ihres Kindes. (Bild: Andrea Stalder)

Sophia Laura dos Santos betrachtet wehmütig ein Foto ihres Kindes. (Bild: Andrea Stalder)

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Wenn sie über ihr Kind spricht, kommen ihr schnell die Tränen. Die 45-jährige Sophia Laura dos Santos hat bei der 6-jährigen Luana (beide Namen geändert) seit Februar 2015 nur noch ein Besuchsrecht. Dabei hatte sie ihre Tochter die ersten Jahre meistens allein aufgezogen. «Wieso vollzieht man nicht einfach das Recht?», fragt dos Santos verzweifelt. «Weil ich eine Ausländerin bin?»

Alle drei Wochen fährt die gebürtige Brasilianerin mit spanischem Bürgerrecht ins Wallis, um Luana übers Wochenende in den Thurgau zu holen. Am Freitag trifft sie ihre Tochter jeweils gegen 17 Uhr. Am späteren Sonntagnachmittag muss sie Luana wieder beim Vater abliefern. So absolviert die Mutter die mehr als dreistündige Bahnfahrt an einem Wochenende vier Mal. Auch die darauffolgenden beiden Mittwoche kann dos Santos Luana jeweils um 10.30 Uhr abholen. Mutter und Kind dürfen bis 16.30 Uhr zusammen bleiben, wenn Luanas Ballettunterricht beginnt. Da dos Santos im Wallis keine Unterkunft zur Verfügung steht, hält sie sich in dieser Zeit mit ihrer Tochter an öffentlichen Orten auf und unternimmt kleinere Ausflüge mit ihr. Immerhin verbringt Luana die Hälfte ihrer Schulferien im Thurgau und kommt abwechslungsweise eine Woche an Weihnachten und an Ostern zu ihrer Mutter.

Nach dem Ende der Beziehung stellte sie ihre Schwangerschaft fest

Die gelernte Coiffeuse hatte in Brasilien einen eigenen Salon geführt, auch in Spanien arbeitete sie in ihrem Beruf. Ende 2009 lernte sie Markus Widmer (Name geändert) kennen, einen heute 41-jährigen Deutschschweizer, der in Spanien Ferien machte. Sie verlängerten den Ferienflirt mit gegenseitigen Besuchen, bis sie sich im Dezember 2010 trennten. Wenig später merkte dos Santos, dass sie schwanger war. Widmer anerkannte das Kind, das im September 2011 zur Welt kam. Dos Santos wohnte mit ihrem Baby im katalanischen Tarragona in einer Wohnung, die sie mit einer Freundin teilte. Anfang 2013 zog sie mit Luana zum Vater ihrer Tochter ins Wallis. Die junge Familie wohnte bei der Mutter von Markus Widmer in Siders, bis sie im Februar 2014 eine Wohnung in einem Nachbarort fand. Die kleine Luana besuchte die Kinderkrippe.

Im Juli 2014 Jahres hielt es dos Santos nicht mehr bei Widmer aus. Sie wirft ihm vor, er sei immer wieder betrunken gewesen und sei dabei aggressiv gegenüber Luana und ihr geworden. Dos Santos kehrte mit Luana zurück nach Tarragona, wo Luana in den Kindergarten ging. Der Vater von Luana wandte sich an die für seinen Wohnort zuständige Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Er forderte, Luana müsse in die Schweiz zurückkehren und der Obhut von dos Santos entzogen werden. Ausserdem erstattete er gegen seine nunmehrige Ex-Freundin Anzeige wegen Kindsentführung.

Die Kesb stellte am 28. Oktober 2014 fest, dass die Mitnahme Luanas nach Spanien unerlaubt gewesen sei. Sie entzog dos Santos das Recht, über den Wohnort ihres Kindes zu entscheiden und ordnete an, dass es in die Obhut ihres Vaters gebracht werden müsse. Auch das eidgenössische Justizdepartement wurde eingeschaltet. Das Gericht von Tarragona entsprach dem Rechtshilfegesuch der Schweiz. Dos Santos kehrte im Februar 2015 in die Schweiz zurück und übergab ihr Kind seinem Vater. Sie zog in den Thurgau, da sie hier Bekannte hatte. Ende 2016 zog sie bei ihrem heutigen Partner ein. In dessen Haus hätte es auch genug Platz für Luana.

Beraten liess sich dos Santos, unter anderem von Stefan Bünter, einem engen Freund, Betriebsökonom, ehemaliger Frauenfelder SP-Gemeinderat und ehemaliger Bezirksrichter. Nach seiner Ansicht ist dos Santos Opfer eines Justizirrtums: «Sie ist von Anfang an kriminalisiert worden.» Er habe vergeblich darauf vertraut, dass die Schweizer Behörden sauber arbeiten würden. Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden im Wallis seien faktisch die alten Vormundschaftsbehörden, die nur umbenannt worden seien. «Eine interdisziplinär zusammengesetzte Behörde sieht anders aus; einzig die Verfasserin der Entscheide versteht wohl etwas von der Juristerei.» Bekanntlich werde Bundesrecht im Wallis nur widerwillig – wenn überhaupt – umgesetzt.

Die Walliser Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren wegen Kindsentführung am 29. März 2016 ein. Denn dos Santos habe die alleinige elterliche Gewalt innegehabt, als sie am 31. Juli 2014 mit Luana nach Spanien ausreiste. Zwar war kurz davor, am 1. Juli 2014, eine Gesetzesrevision in Kraft getreten. Seither hat eine ledige Mutter nicht mehr automatisch das alleinige Sorgerecht. Unverheiratete Eltern erhalten nun meist das gemeinsame Sorgerecht. Voraussetzung ist die Anerkennung des Kinds durch den Vater und eine gemeinsame Erklärung der Eltern. Diese gemeinsame Erklärung sei bis am 31. Juli 2014 nicht erfolgt, argumentierte die Walliser Staatsanwaltschaft. Die Mutter habe ihr Kind gar nicht entführen können.

Mittlerweile hatte auch das kantonale Amt für Kindesschutz am 28. Mai 2015 empfohlen, Luana ihrer Mutter in Obhut zu geben und den Internationalen Sozialdienst in Genf zu beauftragen, den Vater bei der Ausübung seines Besuchsrechts in Spanien zu unterstützen. Die Kesb entschied folglich am 24. November 2015, dass Luana doch in die Obhut der Mutter gehöre. Zugleich sprach sie den Eltern das gemeinsame Sorgerecht zu. Die Kesb ermächtigte dos Santos explizit, ihren Wohnsitz gemeinsam mit Luana in Tarragona zu wählen. Dieser Entscheid wurde aber nie rechtskräftig. Denn Widmer zog ihn erfolgreich ans Kantonsgericht weiter. Der zuständige Einzelrichter holte beim Zentrum für Kinderrechte der Universität Genf (Cide) ein psychologisch-juristisches Gutachten ein. Gestützt darauf entschied er am 31. Juli 2017, dass Luana in die Obhut des Vaters gehöre und die Mutter das Besuchsrecht habe. Dos Santos erhob eine Beschwerde, die das Bundesgericht am 14. November 2017 abwies.

Kantonsgericht und Bundesgericht erklären, sie hätten nur das Kindswohl zum Zeitpunkt des Entscheids im Auge zu halten. Wie die aktuelle Situation entstanden sei, spiele keine Rolle. Das Inter­esse der Eltern sei zweitrangig. Der Einzelrichter des Kantonsgerichts attestiert beiden Eltern, dass sie gut in der Lage wären, sich um ihr Kind zu kümmern. Luana liebe sie beide. Sie zeige keine Anzeichen von Ängstlichkeit in Anwesenheit des einen oder andern Elternteils. Spräche die Mutter mit ihr Spanisch, antworte sie auf Französisch. Luana verstehe auch Schweizerdeutsch, das ihr Vater manchmal mit ihr spreche. Ein wichtiger Punkt für die Zuteilung der Obhut an den Vater ist laut Kantonsgericht, dass er schon lange im Wallis lebt und als Disponent zu Hause arbeitet. Auch Widmers Mutter, an der Luana hänge, kümmere sich um sie. Die Stabilität ist für die Gerichte ein entscheidendes Argument. Je mehr Zeit verstreicht, umso mehr spricht dieses für die Obhut des Vaters, bei dem Luana nun seit fast drei Jahren lebt. Daneben verblassen allmählich die Jahre zuvor, in der die Mutter die wichtigste Bezugsperson war. Durch einen Umzug in den Thurgau käme Luana laut Kantonsgericht «in eine Umgebung, deren Sprache das fürsorgende Elternteil nicht spricht und mit der es keine familiären Bindungen hat». Trotz des jungen Alters des Kinds hätte es laut Kantonsgericht Probleme sich einzuleben.

Kindsraub mit staatlicher Legitimation

Den alleinigen Fokus auf das angebliche Kindeswohl zu legen, sei nicht sachgerecht, kommentiert Stefan Bünter, der Berater der Mutter; «es sind gefälligst auch die einschlägigen Gesetzesartikel anzuwenden». Es sei nicht hinnehmbar, dass ein Unrechtszustand allein durch die Dauer des Verfahrens in einen angeblichen Rechtszustand übergeführt werde. Bünter will den Fall vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beurteilen lassen. Er wirft den Schweizer Behörden und Gerichten vor, sie hätten dos Santos als alleinstehende Ausländerin und Kindesmutter diskriminiert. Seines Erachtens handelt es sich um einen «staatlich legitimierten Kindesraub», ausgeführt von voreingenommenen und nicht ausreichend qualifizierten Behörden und Richtern, die das Recht «selbstgefällig und ergebnisorientiert» zu Gunsten des Schweizer Vaters angewandet hätten.

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