Kinderpost für Erwachsene

Südsicht

Olaf Kühne
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Kaum eine Verletzung aus der Kindheit sitzt so tief, wie Weihnachtswünsche, die nie in Erfüllung gingen. Adventszeit um Adventszeit die Eltern in den Franz Carl Weber gezerrt in der – vergeblichen – Hoffnung, das Piratenschiff von Playmobil liege dann schon unter dem Weihnachtsbaum. Kiloweise Prospekte mit coolen ferngesteuerten Modellautos im Elternhaus gestreut. Trotz dieses eigentlich unübersehbaren Winks mit dem Zaunpfahl gab’s an Heiligabend doch nur wieder Selbstgestricktes.

Wir alle kennen das: Traumata, die sich weder therapeutisch noch medikamentös behandeln lassen – sondern nur mit energischer Kompensation im Erwachsenenalter. Das Modellauto ist längst abgehakt. Zwar kann man sich ein cooles Auto erst in einem Alter leisten, in dem man leider völlig uncool hinter dem Steuer ausschaut. Maserati- und Porsche-Fahrer wissen ein Lied davon zu singen.

Egal. Mit 18 reichten quietschende Reifen und scheppernde Lautsprecher, um das nie erhaltende Modellauto zu überwinden. Und zur Erkenntnis, dass ein Piratenschiff in einem Binnenland völlig unnütz ist, gelangen wir in der Regel Jahre vor dem 18. Geburtstag.

Doch wer kümmert sich um all die armen Seelen, deren Wunsch nach einer Kinderpost elterlicher Ignoranz zum Opfer fiel? Für sie hat die Gemeinde Bichelsee-Balterswil das passende Therapieangebot geschaffen. Weil sich die Post in den Volg verabschiedet hat, steht das Postlokal in Balterswil nun leer – und die Gemeinde will es vermieten. Wer wollte als Kind nicht auch einmal das grummlige Schalterfräulein sein und seinen Stempel auf alles knallen, was irgendwie nach Brief oder Briefmarke aussieht?

Klar, die Miete des Postlokals kostet ein paar Franken, und die Krankenkasse dürfte sich kaum daran beteiligen. Verglichen mit einem Maserati oder gar einem Piratenschiff ist die Balterswiler Traumatherapie indes ein Schnäppchen. Zumal es nichts Wertvolleres gibt als leuchtende Erwachsenenaugen.

Olaf Kühne

olaf.kuehne

@thurgauerzeitung.ch