«Keine Krise, sondern Notlage»

Der Euro-Absturz macht dem Ostschweizer Tourismus schwer zu schaffen. St. Gallen-Bodensee Tourismus rechnet mit 30 000 weniger Logiernächten. Als Sofortmassnahme fordert die Organisation kostenlose Ostwind-Billette für Touristen.

Claudia Schmid
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St. Gallen-Bodensee Tourismus will sich auf Asien konzentrieren: Touristen in der St. Galler Kathedrale. (Bild: Urs Jaudas)

St. Gallen-Bodensee Tourismus will sich auf Asien konzentrieren: Touristen in der St. Galler Kathedrale. (Bild: Urs Jaudas)

ST. GALLEN. «Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses sprechen wir im Tourismus nicht von einer Krise, sondern von einer Notlage», betonte gestern Frank Bumann. Der Direktor von St. Gallen-Bodensee Tourismus zeichnete an der Jahres-Medienkonferenz ein düsteres Bild für die Branche. Nun brauche es politische Massnahmen.

Entscheidend für die Auswirkungen des tiefen Euro-Kurses wird laut Bumann das Reiseverhalten der Schweizer sein. «Sie machen 51,4 Prozent der Übernachtungen in der Region St. Gallen-Bodensee aus. Die Fernmärkte sind im Vergleich zu jenen in Europa von der Frankenerhöhung weniger betroffen.» Die Mehrheit der aussereuropäischen Gäste kombiniere die Schweiz mit anderen europäischen Reisezielen, weshalb sich die frankenbedingten Erhöhungen nicht entscheidend auf die Gesamtkosten auswirkten.

Bei einem Kursverhältnis von 1:1 rechnet Bumann in der Region mit einem Minus von 30 000 Logiernächten pro Jahr. Im Vergleich zu Luzern oder Interlaken leide die Ostschweiz überproportional stark. Der Handlungsspielraum sei klein. «Der Tourismus musste seit 2007 eine Aufwertung des Frankens von rund 40 Prozent hinnehmen und ist als einzige Branche standortgebunden. Er kann keine Produktion ins Ausland verlegen und kaum von günstigen Importen profitieren.»

Ruf nach Unterstützung

Angesichts dieser düsteren Lage verlange die Branche entschieden verbesserte Rahmenbedingungen. Konkret nannte Bumann die Reduktion der Mehrwertsteuer, die Reduktion von Gebühren und Auflagen, aber auch Parallelimporte. Die kantonale Politik fordert er auf, «ein klares Bekenntnis für den Tourismus abzugeben». Als Sofortmassnahme schlägt er die Lancierung einer kostenlosen Ostwind-Karte für Touristen mit zwei oder mehr Übernachtungen in der Ostschweiz vor. «Für ausländische Besucherinnen und Besucher brächte dies einen klaren Mehrwert. Zudem kostet dieser Schritt keinen Franken.»

Bumann sprach auch die laufenden Verhandlungen mit Stadt und Kanton für neue Leistungsvereinbarungen an. Nötig sei eine «Stärkung des Basisauftrags im Destinations- und Kulturmarketing und eine Änderung der Destinationsstrukturen zu grösseren Einheiten».

Trotz der dunklen Wolken hat St. Gallen-Bodensee Tourismus auch Grund zur Freude. Die Organisation feiert ihr 125-Jahr-Jubiläum mit verschiedenen Veranstaltungen. Zwischen Februar und Mai lädt sie unter dem Titel «Wandel, Bedeutung und Herausforderungen des Tourismus» zu einer Vortragsreihe und einer Podiumsdiskussion an der Universität St. Gallen ein. Zudem zieht sie auf den 1. April an die Bankgasse 9 in den Stiftsbezirk. Der bestehende Standort am Bahnhofplatz und das Besucherzentrum an der Gallusstrasse werden aufgelöst. Am 29. April gibt es einen Tag der offenen Tür mit Gratis-Bratwurst und Führungen durch das Weltkulturerbe und die Altstadt.

2014 mehr Logiernächte

Zufrieden sein kann St. Gallen-Bodensee Tourismus mit dem Geschäftsjahr 2014. Laut einer Hochrechnung verzeichnet die Region 356 000 Übernachtungen, was einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr von rund 20 000 Logiernächten entspricht. Fast die Hälfte des Wachstums ist auf eine Raiffeisen-Aktion zurückzuführen. «Der Erfolg zeigte, dass ein destinationsübergreifender Auftritt auch in der Ostschweiz möglich ist. 95 Prozent der Leistungsträger würden bei einer ähnlichen Aktion wieder mitmachen», erklärte dazu Bumann. Der deutsche, asiatische und koreanische Markt habe sich im vergangenen Jahr ebenfalls gut entwickelt.

An «Grand Tour» beteiligt

Dieses Jahr wird St. Gallen-Bodensee Tourismus verschiedene Projekte lancieren. So ist sie an der «Grand Tour of Switzerland» beteiligt, einer Art «Route 66» durch die Schweiz. Den Startschuss gibt Schweiz Tourismus im April. Zudem will die Organisation die Zukunftsmärkte China und Asien stärker und besser bewerben.

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