Kein Thurgauer Geld für Helpline

Der Regierungsrat hält wenig von der Schaffung einer nationalen 24-Stunden-Telefonberatung bei häuslicher Gewalt. Fachleute befürchten, dass eine schweizweite Helpline den erfolgreichen kantonalen Angeboten die Geldmittel abgräbt.

Mathias Frei
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Problem im Thurgau: 2012 musste die Kantonspolizei 775mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken. (Archivbild: Susann Basler)

Problem im Thurgau: 2012 musste die Kantonspolizei 775mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken. (Archivbild: Susann Basler)

FRAUENFELD. Die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren hat die Einrichtung einer nationalen Helpline für Opfer- und Täterpersonen von häuslicher Gewalt zur Diskussion gestellt. Der Kanton Thurgau spricht sich gegen die Schaffung eines derartigen 24-Stunden-Angebots aus und steht mit seiner Meinung im Reigen der Kantone längst nicht alleine. Obwohl es auf kantonaler Ebene keine rund um die Uhr betreute Telefonnummer explizit zu häuslicher Gewalt gibt. Dafür stehen mehrere Beratungsangebote zur Verfügung (siehe Kasten).

Letztes Jahr 775 Interventionen

Letztes Jahr rückte die Kantonspolizei im Schnitt mehr als zweimal pro Tag wegen häuslicher Gewalt aus. 775 Interventionen wurden im Jahr 2012 verzeichnet, 56 mehr als im Vorjahr. Wie Monica Kunz, Leiterin der Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Kantonspolizei, weiss, sind oft auch Kinder involviert. Letztes Jahr waren es 551.

Solche Zahlen lassen aufhorchen. Und auf den ersten Blick scheint es unverständlich, warum der Regierungsrat der Idee einer nationalen Helpline so negativ gegenübersteht. Aber nur auf den ersten Blick. Denn Monica Kunz klärt auf: «Wir befürchten, dass durch ein neues nationales Angebot Ressourcen gebunden werden, die bisher den Angeboten in den Kantonen zur Verfügung standen.» Die Kantone müssten eine nationale Helpline massgeblich mitfinanzieren. Der Regierungsrat ist jedoch der Meinung, dass ein solches Angebot ausschliesslich Sache des Bundes sei. Die entsprechende Verpflichtung sei der Bund mit der Unterzeichnung einer Europaratskonvention zur «Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt» eingegangen. Es stelle ein Problem dar, dass man mit den bestehenden Angeboten nicht alle Opfer- und Täterpersonen erreiche, stellt Monica Kunz fest. Fragwürdig sei jedoch, ob eine nationale Helpline dieses Problem löse.

Bund unterschreibt für Kantone

Beim Departement für Justiz und Sicherheit ist der stellvertretende Generalsekretär Kurt Knecht Ansprechperson für das Thema der häuslichen Gewalt. Er stört sich daran, dass der Bund eine internationale Vereinbarung unterschrieben hat, die Rückwirkung auf die Kantone hat. «Aber die Kantone konnten sich nicht dazu äussern.»

Weiter kritisiert er, dass für diese nationale Helpline aktuell nur mit den Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch geplant wird. Dabei müssten um der Niederschwelligkeit willen möglichst viele Sprachen angeboten werden. Zudem verlange die Konvention, dass nicht nur der Bereich der häuslichen Gewalt, sondern auch Bereiche wie Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung oder Stalking mit Fachberatung abgedeckt werden müssten. «Das ist eine abgespeckte Minimalvariante», sagt Knecht. Zudem könne mit einem blossen Telefongespräch über die nationale Helpline ein akutes Problem kaum befriedigend gelöst werden. Und nachts könne die Helpline nicht mehr machen, als an den Polizeinotruf weiterzuleiten oder auf kantonale Angebote zu verweisen. Aus langjähriger Erfahrung weiss auch Monica Kunz: «Wer nachts anruft, braucht in der Regel die Polizei.»