«Kaufsubventionen sind heikel»

Nachgefragt

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Umwelt- und Energiewissenschafter Roberto Bianchetti berät Behörden in Fragen der Elektromobilität. Er weist darauf hin, dass Fördermassnahmen auch mit Risiken behaftet sein können.

Roberto Bianchetti, wieso haben Elektroautos den Durchbruch noch nicht geschafft, obwohl ihnen dieser seit Jahren vorausgesagt wird?

Dafür gibt es mehrere Faktoren, etwa die limitierte Reichweite und das bescheidene Angebot an Fahrzeugen. Viele bekannte Autohersteller haben ein einziges Modell eines Elektrofahrzeugs auf dem Markt, demgegenüber steht eine riesige Auswahl an Modellen, die mit Benzin angetrieben werden. Auch gibt es noch wenig Schnellladestationen, und es fehlt ein etabliertes Bediensystem. Auch ist der Anschaffungspreis eines Elektroautos meist 20 bis 30 Prozent teurer als ein vergleichbares Modell mit einem herkömmlichen Antrieb.

Der Thurgau arbeitet derzeit ein Konzept zur Förderung der Elektromobilität aus. Welche Massnahmen machen für einen Kanton Sinn?

Es gibt keine Patentlösung. In einem ­ersten Schritt müssen die Chancen und Risiken für die kantonale Situation analysiert werden. Und sie müssen in Politik und Gesellschaft akzeptiert sein. ­Beispielsweise scheiterte im Tessin der Vorschlag, den Neukauf von Elektrofahrzeugen mit Tausenden Franken zu subventionieren. Denn wenn der Kanton gleichzeitig ein Sparprogramm durchläuft, etwa bei Bildung und Gesundheit spart, ist es heikel, mit öffentlichen Geldern alle Elektroautofahrer zu subventionieren. Ein Kanton kann aber auf ­jeden Fall eine koordinierende Rolle einnehmen, etwa mit Energieversorgern eine Ladeinfrastruktur planen, Beratungen machen und auch eine Vorbildfunktion einnehmen. Wichtig ist auch die Sicherstellung der Integration von lokal produzierten erneuerbaren Energien. Weiter muss der Kanton aber auch die Risiken betrachten und minimieren.

Was sind mögliche Risiken?

Forscher stellen einen sogenannten Rebound-Effekt fest, was zu mehr Verkehr führt. Wenn ich ein sauberes Fahrzeug habe, fahre ich auch mehr, benutze also eher das Auto als das Velo oder den ÖV. Als heikel erachte ich ausserdem Kaufsubventionen, weil man damit auch die Anschaffung von Zweitwagen fördert, was Elektroautos in den meisten Fällen noch immer sind. Ausserdem muss darauf geachtet werden, dass Ökostrom getankt wird.

Wie soll das kontrolliert werden?

In einigen Kantonen wurden entsprechende Instrumente, verbunden mit Förderbeiträgen, bereits implementiert. Die Zahlungsbereitschaft der Nutzer für den Ökostrom ist hoch, und das stellt auch eine Chance für die Energieversoger dar.

Glauben Sie noch an den Boom des Elektroautos?

Ja. Die Fahrzeugpalette wird sich in den kommenden Jahren erhöhen, gleichzeitig verbessert sich die Reichweite, während die Fahrzeugpreise fallen. So hat sich beispielsweise die Produktion von Lithium-Batterien verdoppelt, und auch deren Kosten werden weiter sinken. Das weist darauf hin, dass viele massentaugliche Modelle auf den Markt kommen werden. (sme)