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KANTON THURGAU: Mit Schnuppern vor dem Schnuppern gegen offene Lehrstellen im Thurgau

Weil die Schülerzahlen tief sind, bekunden Lehrfirmen Mühe, geeigneten Nachwuchs zu finden. Um potenziellen Lehrlingen Einblicke in den Beruf zu geben, bieten einige vor der Schnupperlehre Berufserkundungstage an. Mit Erfolg.
Sebastian Keller
In einem Betrieb – wie hier in einer Bäckerei – zu schnuppern kann für die Wahl des richtigen Berufes ausschlaggebend sein. (Bild: Michel Canonica)

In einem Betrieb – wie hier in einer Bäckerei – zu schnuppern kann für die Wahl des richtigen Berufes ausschlaggebend sein. (Bild: Michel Canonica)

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Die Schülerzahlen sind rückläufig. Drückten im Jahr 2007 noch fast 10000 Thurgauerinnen und Thurgauer die Oberstufenschulbank, waren es 2016 noch 8239. Das entspricht einem Rückgang von 17 Prozent über diese Zeit­spanne. Das stellt die Lehrbetriebe vor ­Herausforderungen. Dem Nachwuchs ­stehen viele Wege offen: An die Kantonsschule? An die Pädagogische Maturitätsschule? An eine Fachmittelschule oder doch einen Beruf erlernen? Das sind die Fragen, mit denen sich die Jugendlichen an der Schwelle zum Berufsleben beschäftigen.

Die Konsequenz: Die Lehrbetriebe müssen sich anstrengen, um den geeigneten Nachwuchs rekrutieren zu können. Marc Widler, Geschäftsführer des Thurgauer Gewerbeverband, bringt die Herausforderung mit Zahlen auf dem Punkt: «Im Sommer 2017 konnten rund 400 offene Lehrstellen im Kanton Thurgau nicht besetzt werden.» Wobei es grosse Unterschiede nach Branchen gebe: Die Informatik sei bei jungen Leuten gefragt. Kaufmännische Berufe seien immer noch beliebt, die Nachfrage war aber auch schon grösser. «Berufe, die körperlich anstrengend sind, liegen weniger im Trend», sagt Widler. Deshalb legen sich die einzelnen Berufsverbände ins Zeug, aber auch der Thur­gauer Gewerbeverband ist aktiv. Mit der Berufsmesse Thurgau beispielsweise, die jeweils im Herbst vor der Wega in Weinfelden stattfindet. «Wir müssen herausstreichen, welchen Wert die Berufsbildung im 21. Jahrhundert hat», sagt Widler. Gerade bei Menschen aus anderen Kulturkreisen gelte die Berufsbildung manchmal wenig. Denn: In ihrem Heimatland gebe es nur den einen Königsweg zu einer erfolgreichen Karriere: ein Studium. «Doch in der Schweiz ist eine Berufslehre eine äusserst gute Möglichkeit, um Karriere zu machen», sagt Widler. Die Aufstiegschancen seien gut, das Weiterbildungsangebot breit. «Die Arbeitsmarkfähigkeit ist gross, wenn man eine Lehre macht», sagt der Geschäftsführer des Thurgauer Gewerbeverbandes.

Lehrfirmen suchen nach neuen Wegen

Auch wenn sich die Jugendlichen für eine Berufslehre interessieren, haben sie die Qual der Wahl: Hunderte Berufe führt der Berufswahlkatalog auf. Unmöglich ist es daher zu wissen, wie die Aufgabe in jedem Beruf aussieht. Dafür gibt es zwar die Schnupperlehre, die in der Regel mehrere Tage dauert. Die Anzahl Schnupperlehren, die Jugendliche absolvieren können, sind begrenzt. Deshalb suchen Lehrfirmen nach Wegen, wie sie kürzere Einblicke anbieten können. So beispielsweise die Bäckerei Mohn. Das Unternehmen, das an mehreren Standorten im Kanton präsent ist, stand vor einem Problem: Früher kamen Jugendliche zur Schnupperlehre und merkten nach zwei Tagen: Die Arbeit mit dem Teig ist nichts für mich. «Das war jeweils für die Jugendlichen wie für uns unbefriedigend», sagt Roman Schweizer, Leiter Ausbildung bei der Bäckerei Mohn. Deshalb habe man sogenannte Berufserkundungstage eingeführt – quasi ein Schnuppern vor dem Schnuppern. «Das ist eine sehr unbürokratische Lösung», sagt Schweizer. Die Jugendlichen erhalten einen kompakten Einblick in den Berufsalltag. «Es kommen sehr viele Schüler der ersten oder zweiten Oberstufe, die noch nicht wissen, ob eine Berufslehre in einer Bäckerei etwas für sie ist.» Wer sich nach diesem Tag eine Zukunft in diesem Berufsfeld vorstellen kann, der bewirbt sich für eine Schnupperlehre. Diese dauert eine Woche. Der Effekt ist positiv: «Dadurch haben wir weniger, die ihre Schnupperlehre abbrechen müssen», sagt Schweizer. Mit dem Berufs­erkundungstag finde eine erste Selektion statt – und zwar sowohl aus der Sicht der Lehrfirma wie auch des Jugendlichen.

Zuständiges Amt begrüsst praxisnahes Angebot

Marc Widler vom Thurgauer Gewerbeverband sagt zum Berufserkundungstag: «Manche Firmen schwören darauf.» Es sei wohl aber eher für Betriebe möglich, die eine gewisse Grösse haben. Ob das Angebot zugenommen habe, könne er «nicht pauschal» beantworten. Franz Knupp ist Leiter Betriebliche Bildung beim kantonalen Amt für Berufsbildung und Berufsberatung. Er sagt: Ein Berufserkundungstag sei «ideal und begrüssenswert.» Denn: «Ein Ausbildungsbetrieb darf vom Jugendlichen erwarten, dass er sich mit seinem Wahlberuf vor Antritt der Schnupperlehre befasst.» Wenn dies praxisnah angeboten werde, sei dies hilfreich. «Einen Beruf authentisch in einem Betrieb kennen zu lernen, ist für die Jugendlichen von grosser Bedeutung.» Dies können Informationen aus Broschüren, Videos oder dem Internet nicht ersetzen. Marcel Volkart ist Chef des Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung. Er sagt: «Wir begrüssen jeden Weg, der hilft, eine gute Selektion vorzunehmen.» Ein Berufserkundungstag sei «sicher ein guter Weg». Generell empfehle sein Amt den Jugendlichen, Luft in mehreren Betrieben zu schnuppern. «Und den Fächer für verschiedene Berufe zu öffnen.»

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, wie Lehrfirmen ihrem potenziellen Nachwuchs einen kompakten Einblick ermöglichen. Zum Beispiel mit Informationsnachmittagen. Solche bietet die Baumer Electric AG in Frauenfeld an, wie Manfred Fraefel, Leiter Berufliche Grundbildung, sagt. Lehrberufe, welche die Baumer Electric AG anbietet, sind etwa Elektrotechniker, Informatiker, Polymechaniker. «Die Rekrutierung fordert uns, da das Interesse an unseren Berufen allgemein niedrig ist», sagt Fraefel. Darum sei das Unternehmen auf diversen Plattformen und Veranstaltungen rege vertreten. «Somit können wir unsere Lehrstellen noch immer alle besetzen.»

Die Thurgauer Lehrfirmen dürften aber auch im laufenden Jahr nicht alle Lehrstellen besetzen können. So sind für Lehrbeginn Sommer 2018 immer noch mehrere hundert offene Lehrstellen auf der Webseite www.berufsberatung.ch ausgeschrieben.

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