KANTON THURGAU: «Ich hänge nicht am Prestige»

Für viele überraschend ist der 66-jährige Unternehmer Hermann Hess (FDP) im Herbst 2015 in den Nationalrat gewählt worden. Angeblich soll er sich bereits Rücktrittsgedanken machen. Die Thurgauer Zeitung hat nachgefragt.

Christian Kamm
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Hermann Hess, Nationalrat und Unternehmer. (Bild: Michel Canonica)

Hermann Hess, Nationalrat und Unternehmer. (Bild: Michel Canonica)

Hermann Hess, die NZZ hat geschrieben, dass Sie schon vor Ende der Legislatur wieder aus dem Nationalrat zurücktreten werden. Wie kommt die Zeitung darauf?
Ich habe während des FDP-Fraktionsausflugs mit dem betreffenden Journalisten ein interessantes Gespräch geführt, das er dann so interpretierte.

Hat er Sie richtig interpretiert?
Das wird man sehen.

Ich bekomme von Ihnen kein Dementi à la: Hermann Hess macht die Legislatur fertig und bleibt bis 2019 Nationalrat?
Nein. Aber ich sage auch nicht das Gegenteil. Es gibt kein Statement in dieser Sache. Und es ist ja auch nichts Beunruhigendes − so oder anders. Das ist keine Staatsaffäre.

Ein vorzeitiger Rücktritt würde Sinn machen, damit sich der Nachrücker vor den nächsten Wahlen 2019 noch profilieren kann. Eine Überlegung wert?
Da haben Sie sicher nicht Unrecht. Aber das gilt ja immer und für alle Parlamentarier, nicht nur für mich.

Wie wohl fühlen Sie sich denn in Bern. Sind Sie ein glücklicher Nationalrat?
Ich betrachte es als grosse Ehre und Vertrauensbeweis, dem Nationalrat anzugehören. Das erreicht schliesslich auch nicht jeder. Der politische Einfluss ist, bedingt durch das Zweikammer-System, allerdings sehr limitiert. Wenn der Grosse Rat Thurgau einen Beschluss fasst, ist es ein Beschluss. In Bern heisst es: Das Geschäft geht an den Ständerat, und dann geht es hin und her. Zudem sind die ständigen Kommissionen sehr mächtig, so dass der einzelne Parlamentarier weniger wahrgenommen wird. Auch der Einfluss der Kantone ist gross. Das macht das System unübersichtlich, jedoch nicht etwa schlecht. Aber es ist entsprechend schwierig, Einfluss zu nehmen. Das Mannschaftsspiel der Fraktion ist entscheidender. Dort bringe ich mich auch ein.

Tönt schon etwas ernüchtert.
Wieso? Nein, das ist realistisch. Und die anderen erleben das meines Erachtens auch so.

Keine Reden im Parlament, kein Vorstoss. Sie gelten als Exot im Berner Betrieb.
Das hängt mit meiner Tätigkeit in der Geschäftsprüfungskommission zusammen. Weil wir keine Gesetze machen, gehen wir auch nicht ans Rednerpult. Entscheidend ist, wie und dass man abstimmt. Und das tue ich.

Sie machen keinen Hehl daraus, dass Sie primär Unternehmer sind und erst in zweiter Linie Parlamentarier.
Das habe ich immer gesagt, und ich möchte auch, dass es so bleibt. Umgekehrt habe ich in Bern aber ungeheuer viel gelernt über Zusammenhänge und ebenfalls viele Menschen kennen gelernt. Die politische Arbeit ist hoch interessant.

Hand aufs Herz: War Ihre Wahl in den Nationalrat nicht doch ein Missverständnis?
Nein, überhaupt nicht. Wenn jemand anders das Rennen gemacht hätte, hätte ich mich aber ebenfalls gefreut. Ich hänge nicht an diesem Prestige. Dazu kommt mein Alter. Deshalb habe ich 2015 nicht etwa auf mein Recht auf eine Kandidatur gepocht, sondern der Partei überlassen, ob sie mich auf die Nationalratsliste nehmen will. Die wollte unbedingt. Jetzt ist es so, wie es ist. Und alles ist gut.