KANTON THURGAU: «Es braucht eine Ombudsstelle»

Der Berufsverband des Pflegefachpersonals fordert eine unabhängige Stelle, an die Probleme in Heimen gemeldet werden können. In der heutigen Praxis sei die Hürde zu hoch, um Missstände zu melden.

Silvan Meile
Drucken
Teilen
Steigender Druck in der Pflegebranche: Für ein Gespräch bleibt kaum noch Zeit. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally)

Steigender Druck in der Pflegebranche: Für ein Gespräch bleibt kaum noch Zeit. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally)

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

Mobbing, schlechte Arbeitsbedingungen, Frust-Kündigungen und unzimperliche Entlassungen. Happige Vorwürfe müssen sich die Verantwortlichen des Wohn- und Pflegezentrums Schloss Berg vom eigenen Personal und ehemaligen Mitarbeitern anhören. Wie die Ostschweiz am Sonntag in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, hängt der Haussegen derart schief, dass der Weg in die Öffentlichkeit gesucht wurde.

Grosse Missstände kommen selten zum Vorschein

«Das lässt aufhorchen», sagt Barbara Dätwyler, Präsidentin der Ostschweizer Sektion des Berufsverbandes der Pflegefachpersonen. In diesem Fall aus Berg sei offensichtlich das Fass überlaufen. «Die Kontrollen müssen verstärkt werden», fordert nun Dätwyler für die 52 Thurgauer Heime.

«Im Thurgau finden im Schnitt jährlich ein unangemeldeter und rund zwölf reguläre Aufsichtsbesuche statt», sagt Susanna Schuppisser, stellvertretende Chefin des kantonalen Amts für Gesundheit. Solche Aufsichtsbesuche würden einen Tag dauern und werden von einer Amtsperson sowie je einer externen Pflegefachperson und einer Ärztin durchgeführt. Alle vier bis fünf Jahre muss ein Thurgauer Heim mit einer Kontrolle rechnen. Dabei werden auch möglichst viele Gespräche mit Bewohnern und Personal geführt. Oft kämen dabei kleine Probleme zum Vorschein, selten ernsthafte Missstände, sagt Schuppisser. Zu den unangemeldeten Kontrollen komme es nach Hinweisen über Unregelmässigkeiten, die von Bewohnern, Angehörige oder dem Personal ans Amt gelangen.

Das Pflegepersonal fühlt sich wie im Hamsterrad

Für Barbara Dätwyler ist aber die Hürde, um Probleme in Heimen zur Sprache zu bringen, im Thurgau deutlich zu hoch. «Es braucht von den Angehörigen und auch den Pflegenden viel Mut, Missstände zu melden.» Deshalb sei eine Ombudsstelle zwingend nötig, bei der auch anonym Hinweise eingehen könnten. Eine unabhängige Stelle würde es den Betroffenen viel leichter machen, gewisse Sachen anzusprechen, sagt auch Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin der Ostschweizer Sektion des Berufsverbandes der Pflegefachpersonen und SP-Kantonsrätin. Gerade in der Pflege spitze sich die Situation zu, auch wegen des Spardrucks. Natürlich gebe es im Thurgau sehr gut geführte Heime. Vielerorts stünden aber komplexere Pflegefälle infolge Mehrfacherkrankungen knappsten Stellenplänen gegenüber. «Der Druck steigt in der Branche und damit wächst die Unzufriedenheit, weil die Pflegenden sich zunehmend im Hamsterrad fühlen und zu wenig Zeit für Gespräche mit den Patienten haben», sagt Wohlfender. Kämen Unstimmigkeiten in der Zusammenarbeit hinzu, erreiche die Demotivation ihren Höhepunkt und ende nicht selten mit dem Berufsausstieg. «Gerade deshalb braucht es die Pflege-Initiative, die bessere Rahmenbedingungen für die Pflegekräfte fordert und Bund und Kantone verpflichtet, für eine Pflege mit hoher Qualität zu sorgen», sagt Dätwyler, die sich in der Unterschriftensammlung für diese Volksinitiative engagiert.

«Mehr Kontrolle ist nicht nötig»

Für Susanna Schuppisser vom Thurgauer Amt für Gesundheit sind die Vorwürfe, wie sie von Personal im Schloss Berg erhoben wurden, Einzelfälle. Die Qualitätssicherung liege in der Verantwortung der Heime. «Wir überprüfen diese mit den Kontrollbesuchen.» Das seien aber immer nur Momentaufnahmen. Für die Unterstützung der Institutionen in der Qualitätssicherung habe der Heimverband Curaviva Thurgau in diesem Jahr mit finanzieller Unterstützung des Kantons zudem eine Fachstelle geschaffen. Mehr Kontrollen oder sogar eine Ombudsstelle seien nicht nötig.