KANTON THURGAU: Der Pfarrhimmel hängt bald höher

Geschieden, ein Ausländer oder schwul? Für Kirchbürgerinnen und -bürger wird es einfacher, die Wahl eines neuen Pfarrers zu verhindern. Neu zählen auch leere Stimmzettel für die Berechnung des absoluten Mehrs.

Christian Kamm
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Die Wahlhürde für neue evangelische Pfarrer ist im Thurgau künftig höher. (Bild: Archiv)

Die Wahlhürde für neue evangelische Pfarrer ist im Thurgau künftig höher. (Bild: Archiv)

Christian Kamm

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@thurgauerzeitung.ch

Die Konservativen unter den evangelischen Kirchbürgern von Bichelsee waren von ihrem Sieg überzeugt. 32 Wahlzettel waren an der Kirchgemeindeversammlung von Ende März 2016 leer eingelegt worden und nur 26 lauteten auf den bekennenden homosexuellen Pfarrer Maik Becker. Ergo, so glaubte die Versammlung damals, hatte Becker die Wahl verpasst.

Das war ein Irrtum, wie sich herausstellte. Denn die Erstwahl von Pfarrern funktioniert in den evangelischen Kirchgemeinden wie ein politische Majorz-Wahl. Und das heisst: Leere Stimmzettel werden ebenso wie ungültige von der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen abgezogen und erst dann das massgebende absolute Mehr ermittelt. Im Fall Bichelsee lag die Hürde damit bei 14 Stimmen. Maik Becker war mit 26 klar gewählt.

Nicht jeder ist wählbar

Einen Fall Bichelsee wird es künftig nicht mehr geben. Der Evangelische Kirchenrat des Kantons Thurgau hat die Wahlverordnung entsprechend geändert. Per 1. Januar 2018 wird genau dies geltendes Recht, was man in Bichelsee fälschlicherweise bereits als solches angesehen hatte. Eine «Lex Bichelsee» also?

Ernst Ritzi, Aktuar des Kirchenrats, verneint auf Anfrage. «Wir haben schon länger darüber nachgedacht, wie man das besser lösen könnte, nicht erst seit Bichelsee.» Das Problem ist denn auch ein generelles: Wer einen zur Wahl stehenden Pfarrer nicht wählen will, kann – obwohl es eigentlich wirkungslos ist – nichts anderes tun als leer einzulegen. Dies im Unterschied zu politischen Wahlen, wo grundsätzlich jeder wählbar ist. Passt mir der Kandidat fürs Gemeindepräsidium nicht, kann ich zum Beispiel meinen Nachbarn aufschreiben. Tun das viele andere auch, wird damit im Extremfall die Wahl eines offiziellen Kandidaten verhindert, weil die Hürde des absoluten Mehrs nach oben verschoben wird.

Genau dieser Mechanismus funktioniert aber bei einer Pfarrwahl aufgrund der fachlichen Voraussetzungen nicht. «Es sind nur Leute wählbar, die eine entsprechende Befähigung beziehungsweise Ausbildung haben», sagt Ritzi. Sprich: eben Pfarrer sind. Folglich gibt es bei Pfarrwahlen gar nie eine Auswahl. «Hier findet man niemanden, der gegen einen anderen antritt.» So hatte die Kirchenratskanzlei immer wieder mit Kirchbürgern zu tun, die sich erkundigten, was sie denn tun sollten, wenn sie einen Pfarrer nicht wählen wollten. Auch Kirchenratspräsident Wilfried Bührer musste sich immer wieder Kritik anhören, dass das ja schon fast sowjetische Zustände seien, wie er im März 2016 gegenüber dem Portal der Reformierten ref.ch sagte.

Mit dem nun beschlossenen Systemwechsel werden die Leerstimmen, die bis anhin überhaupt keinen Einfluss auf das Geschehen hatten, aufgewertet. Und der Volkswille, wie von Bührer gewünscht, erkennbarer.

Darf die Kirche das überhaupt? Im kantonalen Wahlgesetz ist dieses Prozedere nicht vorgesehen. «Bei den Pfarrern können wir das», sagt Ritzi. Hingegen bleibe bei den kirchlichen Behördenwahlen alles beim Alten. «Weil das politische Wahlen sind.» Dass es in Zukunft zu einer inflationären Nichtwahl von Pfarramtskandidaten kommen könnte, glaubt Ritzi nicht. Dazu seien die Vorschläge der Pfarrwahlkommissionen normalerweise viel zu breit abgestützt.