KANTON THRUGAU: Stau vor dem Strassenverkehrsamt

Das kantonale Strassenverkehrsamt ist bei den Fahrzeugprüfungen im Rückstand. Das Ziel des Regierungsrates, die Pendenzen auf rund 40 000 Motorfahrzeuge zu senken, wurde verfehlt. Nun fährt man mit Schützenhilfe des Bundes doch noch ans Ziel.

Christian Kamm
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Ernst R. Anderwert Geschäftsführer des kantonalen Strassenverkehrsamtes (Bild: Donato Caspari)

Ernst R. Anderwert Geschäftsführer des kantonalen Strassenverkehrsamtes (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. Die Rückstände bei den periodischen Fahrzeugprüfungen von rund 65 000 auf maximal 40 000 Fahrzeuge zu reduzieren – so lautete die Vorgabe für das kantonale Strassenverkehrsamt im Regierungsprogramm 2012 bis 2016. Dass dieses Ziel verfehlt werden würde, war Ende 2015 definitiv klar. Zwar sei es gelungen, die Pendenzen bei den Fahrzeugprüfungen um weitere 2500 zu senken, rapportierte der Regierungsrat in seinem Geschäftsbericht 2015. Noch immer aber lag zu diesem Zeitpunkt die Kontrolltätigkeit mit über 52 000 Fahrzeugen im Rückstand.

Ernst R. Anderwert Geschäftsführer des kantonalen Strassenverkehrsamtes (Bild: Donato Caspari)

Ernst R. Anderwert Geschäftsführer des kantonalen Strassenverkehrsamtes (Bild: Donato Caspari)

Bund ändert Spielregeln

Ziel klar verfehlt – trotzdem blieb die Politik bis dato stumm. Das hat aber weniger damit zu tun, dass solche Prüftermine bei den Motorfahrzeuglenkern unbeliebt sind – frei nach dem Motto: Je später, desto besser und am liebsten gar nie. Sondern der Grund für die politische Zurückhaltung liegt darin, dass bald von allein auf die Erfolgsspur gewechselt werden kann.

Per 1. Februar 2017 ändert der Bund nämlich die Spielregeln. Neuwagen müssen ab diesem Zeitpunkt nicht mehr bereits nach vier Jahren zum ersten Mal auf den kantonalen Prüfstand, sondern erst nach fünf. «Spätestens im sechsten Jahr», zitiert Ernst R. Anderwert, Leiter des Thurgauer Strassenverkehrsamtes, die entsprechende Bundesvorgabe. Das wird auch das Strassenverkehrsamt Thurgau spürbar entlasten.

9000 Pendenzen weniger

«Faktisch sind wir deshalb heute schon dort, wo wir sein müssen», sagt Anderwert mit Blick auf die nahe Zukunft. Die Gesetzesänderung wird nach seinen Berechnungen den Rückstau vor dem Prüfstand um zusätzlich rund 9000 Fahrzeuge reduzieren. Damit befinde man sich im Zielbereich.

Rückstände bei den Kontrollen sind darüber hinaus systembedingt und zu einem guten Teil auch gewollt. So haben Fahrzeugbesitzer beispielsweise die Möglichkeit, einen Prüftermin bis zu drei Monate zu verschieben. Das macht etwa dann Sinn, wenn jemand ein Aufgebot erhält, aber in spätestens drei Monaten ohnehin ein neues Auto kaufen will. Hier ist das Amt kulant, wird dann aber laut Anderwert kontrollieren, ob der Fahrzeugwechsel tatsächlich stattgefunden hat. «Falls nicht, gibt es ein Aufgebot.»

Wenn ein Termin geschoben wird, entsteht umgekehrt eine Lücke, die es wieder zu schliessen gilt. «Ansonsten haben die Verkehrsexperten in dieser Zeit keine Arbeit.» Deshalb kann es auch nicht das Ziel sein, die Zahl der pendenten Prüfungen möglichst gegen null zu fahren. «Wir brauchen ein gewisses Potenzial an Rückständen, damit das System überhaupt funktioniert», erläutert Anderwert.

Fast 12 Prozent in vier Jahren

Die logistische Kunst der Terminplanung besteht nun darin, Leerzeiten möglichst klein zu halten. Gegenwärtig liegt dieser Wert im Thurgau zwischen fünf und acht Prozent. Vor allem dadurch bedingt, dass Kunden zum vereinbarten Termin nicht auftauchen.

Dass die Kontrolleure des Strassenverkehrsamtes immer mehr Arbeit haben, hat auch mit dem Wachstum des Fahrzeugbestandes im Kanton zu tun. Ende 2015 waren 245 937 Fahrzeuge immatrikuliert. Allein in den letzten vier Jahren wuchs der Bestand um satte 11,6 Prozent. Das Amt hat deshalb in der Vergangenheit eine Reihe von Entlastungsmassnahmen realisiert, um der Masse an Fahrzeugen, die periodisch geprüft werden müssen, weiter Herr zu werden. Unter anderem wurde die landwirtschaftliche Fahrzeugprüfung an den Verband für Landtechnik delegiert. Einzelne Garagen dürfen eine sogenannte «Reparaturbestätigung» ausstellen, womit die Nachkontrolle im Strassenverkehrsamt entfällt. Und am wichtigsten: Die Prüfzeit wurde vor einigen Jahren um 5 auf 20 Minuten gesenkt.

Reicht das? «In den nächsten Jahren sind keine besonderen Massnahmen nötig», blickt Anderwert in die Zukunft. Die vorhandene Infrastruktur würde sogar für mehr reichen. Kapazitäten seien vorhanden. Allerdings gelte das nicht für das Personal. Um auszubauen, müsste man den Hebel als erstes dort ansetzen. «Vorausgesetzt, dass die Politik das will.»

Im Thurgau werden pro Jahr zwischen 70 000 und 80 000 Motorfahrzeugkontrollen durchgeführt. (Bild: Urs Jaudas)

Im Thurgau werden pro Jahr zwischen 70 000 und 80 000 Motorfahrzeugkontrollen durchgeführt. (Bild: Urs Jaudas)