Kanti ohne Kantönli-Geist

WIL. Die Wiler Mittelschule ist im Kanton St. Gallen ein einzigartiges Projekt, da sie von zwei Kantonen finanziert wird. Nun werden die Aufnahmeprüfungen vereinheitlicht.

Simon Dudle
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An der Wiler Kantonsschule kommt rund jeder fünfte Schüler aus dem Kanton Thurgau. (Bild: sdu.)

An der Wiler Kantonsschule kommt rund jeder fünfte Schüler aus dem Kanton Thurgau. (Bild: sdu.)

Die Kantonsschule Wil hat im Vergleich zu anderen Mittelschulen die Eigenheit, dass verhältnismässig viele Schüler nicht aus dem Kanton St. Gallen kommen. Im langjährigen Schnitt wohnt rund jeder fünfte Schüler im Hinterthurgau. Die Sekundarschulen von Affeltrangen, Tobel, Ägelsee, Balterswil, Eschlikon, Oberwangen, Münchwilen, Schönholzerswilen, Sirnach und Wängi entsenden ihre Schüler grundsätzlich an die Kanti Wil.

Über die definitive Einteilung der Klassen entscheiden abschliessend die Ämter für Mittelschulen der Kantone St. Gallen und Thurgau. Sie sind aus finanziellen Gründen bestrebt, möglichst wenige Klassen zu bilden. Für das Schuljahr 2011/2012 stehen die genauen Zahlen noch aus, der Anteil Hinterthurgauer dürfte aber wieder bei rund 20 Prozent liegen.

Den Lehrplänen angepasst

Vor dem Eintritt an die Kantonsschule haben sich die Schüler aus dem Kanton Thurgau zu entscheiden, wo sie die Aufnahmeprüfung ablegen. Ihnen wird dabei empfohlen, dies in Frauenfeld zu tun, da die Prüfungen auf die Lehrpläne des Kantons abgestimmt sind. «Dies ist jedoch nur eine heisse Empfehlung und kein Muss», sagt Doris Dietler Schuppli, die Rektorin der Kantonsschule Wil. So gibt es auch Hinterthurgauer, die in der Äbtestadt zur Prüfung antreten. Es sind vor allem jene Schüler, die einen Schwerpunkt wie Latein oder Bildnerisches Gestalten und Musik belegen möchten, den es in Frauenfeld nicht gibt.

St. Gallen gleicht sich an

An den Aufnahmeprüfungen gibt es zwischen Frauenfeld und Wil einen Unterschied. In der Äbtestadt werden alle Kandidaten sowohl schriftlich als auch mündlich geprüft. In Frauenfeld sind nur die schriftlichen Tests zwingend.

Eine mündliche Prüfung ist lediglich für jene Kandidaten vorgesehen, die in einer gewissen Bandbreite unterhalb des erforderlichen Minimalresultats liegen. Ab dem kommenden Winter gibt es im Kanton St. Gallen voraussichtlich einen neuen Prüfungsmodus, der dem des Kantons Thurgau ähnlich ist.

Will heissen, dass auch in der Äbtestadt nur noch jene Kandidaten zur mündlichen Prüfung antreten, welche die erforderliche Minimalpunktzahl nach der schriftlichen Prüfung noch nicht erreicht haben. Doris Dietler Schuppli sagt: «Dies wäre eine gute Lösung und für uns eine Erleichterung, wenn wir in deutlichen Fällen nicht zusätzlich mündlich prüfen müssen. In der Regel verschlechtert man sich bei mündlichen Prüfungen nicht.»

Differenzen bei Stipendien

Wenn die Aufnahmeprüfung bestanden und der Hinterthurgauer Schüler der Kanti Wil zugeteilt ist, hat es sich mit dem «Kantönli-Geist» fast schon erledigt. «Die Schüler fragen nicht nach dem Kanton, und man merkt im Unterricht vom Niveau her keinen Unterschied», sagt Dietler Schuppli, die neben ihrer Rektoren-Tätigkeit auch noch unterrichtet. «Die Kanti Wil ist keine interkantonale Schule und untersteht dem St. Galler Recht», ergänzt Adrian Bachmann vom St. Galler Amt für Mittelschulen.

Einzig bei den Stipendien gibt es noch einen Unterschied. Während im Kanton St. Gallen ab dem ersten Schuljahr an der Mittelschule Unterstützungsgelder bezogen werden können, ist dies im Kanton Thurgau erst nach dem neunten Schuljahr möglich.

Somit bekommen jene Schüler, die nach der zweiten Oberstufenklasse an die Kantonsschule übertreten, im Kanton Thurgau während eines Jahres sicher keine Stipendien.