Kampf um Krebstherapien

FRAUENFELD. Der Thurgau hat sich an die Spitze jener Kantone gestellt, die sich gegen die Zentralisierung von Krebsbehandlungen stellen. Wichtig sei, dass die Therapie nahe beim Patienten sei, sagt Gesundheitsdirektor Bernhard Koch.

Christof Widmer
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Was gehört zur Spitzenmedizin? Gewebe wird am Kantonsspital Münsterlingen auf Krebs getestet. (Archivbild: Reto Martin)

Was gehört zur Spitzenmedizin? Gewebe wird am Kantonsspital Münsterlingen auf Krebs getestet. (Archivbild: Reto Martin)

Die Konzentration der Spitzenmedizin auf wenige Spitäler in der Schweiz schreitet voran. Dabei geht es längst nicht nur um Eingriffe wie Herztransplantationen. Das zuständige Gremium der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren brütet derzeit über Krebsbehandlungen, die künftig nur noch wenige Spitäler durchführen sollen. Das sorgt im Thurgau für Unmut. «Diese Ausdehnung hat mit dem ursprünglichen Auftrag gar nichts mehr zu tun», sagt SVP-Kantonsrat Hermann Lei.

In einem Vorstoss im Grossen Rat kritisiert Lei, dass im fraglichen Gremium die fünf Universitätskantone und Kantone wie St. Gallen und Tessin medizinische Eingriffe unter sich aufteilen. Tatsächlich sollen zwölf bestimmte Tumorarten an den fünf Universitätsspitälern und an den Kantonsspitälern St. Gallen und Bellinzona konzentriert werden. Darunter fallen Tumore im Hirn, an der Gallenblase, an der Bauchspeicheldrüse, am Gebärmutterhals oder an der Speiseröhre.

Koch fordert Marschhalt

Den Unmut Leis teilt der Thurgauer Gesundheitsdirektor Bernhard Koch. Im Beschlussgremium fehle die Sicht der mittelgrossen und kleinen Kantone, bemängelt er. «Wir brauchen jetzt einen Marschhalt», sagt Koch. Der Thurgau hat sich an die Spitze einer Reihe von unzufriedenen Kantonen gestellt. Zusammen mit Glarus und Graubünden habe der Thurgau das Thema auf die Traktandenliste der nächsten Gesundheitsdirektorenkonferenz gesetzt, bestätigt Koch Angaben der «NZZ am Sonntag».

Kochs Kritik: Wiederholt habe sich der Thurgau wehren müssen, um bestimmte Behandlungen behalten zu dürfen – etwa in der Herzchirurgie. Unter den nun zur Diskussion stehenden Krebsbehandlungen seien zudem solche, die ambulant durchgeführt werden. Das widerspreche der interkantonalen Vereinbarung über die hochspezialisierte Medizin.

Stimmt die Qualität?

Ausserdem sei es nicht im Sinn der Patientinnen und Patienten, wenn sie für eine Behandlung weit reisen müssten, sagt Koch. Dem stimmt zwar auch die Präsidentin der Patientenstelle Ostschweiz, SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, zu. Bei komplexen Operationen sei eine Konzentration aber sinnvoll. «Qualität ist das A und O», sagt sie. Und die sei in Frage gestellt, wenn ein Eingriff nur wenige Male pro Jahr an einem Spital durchgeführt wird.

Das ist in den Thurgauer Kantonsspitälern bei einigen Krebsoperationen der Fall. Zu Gewebeentfernung an der Bauchspeicheldrüse kam es laut den neusten Zahlen des Bundesamts für Gesundheit 2010 in 18 Fällen (2009: 12). Komplexe Eingriffe an der Speiseröhre gab es sogar in weniger als zehn Fällen. Tiefe Fallzahlen bei einzelnen Eingriffsarten räumt auch Koch ein. An solchen Operationen wolle man auch nicht festhalten.

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