Kaltes Klima, warmherzige Leute

Fränzi Schwarzenbach aus Frauenfeld unterrichtete mit ihrem Mann ein ganzes Schuljahr in der mongolischen Stadt Chowd. Sie spricht vom Leistungsdenken der mongolischen Gesellschaft, das sich von der mitteleuropäischen Haltung völlig unterscheidet.

Lisa Epper
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Fränzi Schwarzenbach mit ihren Studenten der Universität Chowd beim Englischunterricht. (Bild: Fränzi Schwarzenbach)

Fränzi Schwarzenbach mit ihren Studenten der Universität Chowd beim Englischunterricht. (Bild: Fränzi Schwarzenbach)

FRAUENFELD. Kaltes Klima scheint warmherzige Menschen hervorzubringen. Diese Erfahrung machte die Frauenfelderin Fränzi Schwarzenbach in der Mongolei. Während eines Schuljahres unterrichtete sie Englisch an der Universität von Chowd (ausgesprochen wie «Koft») im Westen des Landes. Dort wohnte sie mit ihrem Mann Beat und konnte eine ganz andere Kultur erleben.

Fränzi Schwarzenbach und ihr Mann sind mit offenen Armen empfangen worden. So durften sie in Chowd grosszügige und gastfreundliche Leute kennen lernen. «Wir waren nicht bloss Touristen, wir hatten eine Aufgabe und waren Teil der Gemeinschaft.»

Ganz anderes Leistungsdenken

Kulturelle Unterschiede lassen sich nicht nur in der mongolischen Gastfreundschaft finden. Laut Schwarzenbach sei das gesellschaftliche Leistungsverständnis in der Mongolei ganz anders wie etwa in der Schweiz. So befänden wir uns hier in ständigem Wettbewerb. Sei es in der Schule, bei der Arbeit oder sogar unter Familien. Dies liesse sich in der mongolischen Kultur weniger beobachten.

Laut Schwarzenbach gibt es unser westliches Notensystem in der Mongolei in diesem Sinne nicht: «Schüler lernen aus eigenem Ansporn und nicht, um eine Sechs zu erhalten.» Dieser gesellschaftliche Druck, reicher, respektabler oder schöner sein zu müssen als der Nächste, kenne man dort eher nicht. Im harten Nomadenleben der mongolischen Steppe ist laut Schwarzenbach das gemeinschaftliche Überleben wichtiger, als «besser als der Nachbar» zu sein.

Aus diesen kulturellen Unterschieden hat Fränzi Schwarzenbach einiges gelernt: «Mir wurde bewusst, wie ich von Schweizer Kultur und Gesellschaft geprägt war», sagt sie dazu. «Ich habe in der Mongolei gelernt, dass jede Gesellschaft eigene Normen hat und unsere nicht zwingend die besten für die restliche Welt sind.»

Bis zu minus 30 Grad

Chowd ist eine Stadt im Westen der Mongolei, in einer sonst fast menschenleeren Provinz von der Grösse Frankreichs. Sie liegt rund 1500 Kilometer von der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar entfernt und zählt heute ungefähr 30 000 Einwohner. Die Region ist kalt und erreicht im Winter Temperaturen von minus 30 Grad. Die harten Lebensumstände zwingen das mongolische Volk zum Nomadentum: Sie ziehen mit ihren riesigen Herden aus Schafen, Ziegen und Kamelen durch die kargen Trockensteppen. Studenten der Universität in Chowd sind Töchter oder Söhne solcher Nomadenfamilien. Die meisten von ihnen werden Lehrer.

Austauschprogramm

Fränzi Schwarzenbach weilte im Rahmen des Projektes «Swiss Program for Language Instruction and Teacher Training» von Anita Fahrni in der Mongolei (siehe Kasten). Fahrni hatte Schwarzenbach nach ihrer Pensionierung angefragt, am Austauschprogramm für das Schuljahr 2013/14 teilzunehmen. Da sie mit ihrem Mann schon weite Teile Asiens bereist hat – Schwarzenbach wohnte zeitweise in China oder Japan – fühlte sie sich für solch eine Aufgabe berufen: «Im Vergleich zu anderen Ländern Asiens, die wir schon bereist haben, war die Mongolei aber etwas ganz Neues für uns.» Während die pensionierte Pflegefachfrau und Sekundarlehrerin an der Universität Englisch unterrichtete, hielt ihr Mann Beat Schwarzenbach Architekturvorlesungen auf Deutsch, die von einem mongolischen Dozent in die Landessprache übersetzt wurden.

Das Stiftungsprojekt schickt aber nicht nur Schweizer Lehrkräfte in die Mongolei: Jedes Jahr erhalten auch neun bis zehn mongolische Deutschstudenten ein Stipendium für ein einjähriges Studium in der Schweiz.

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