KALCHRAIN: Lehre im alten Kloster

Junge Straftäter können im Massnahmenzentrum einen Beruf erlernen – statt nur einfach die Strafe abzusitzen. Walter Fischer und sein Team von der Schreinerei bilden derzeit fünf Lehrlinge aus.

Christine Luley
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Das Massnahmenzentrum Kalchrain. (Bild: Nana do Carmo)

Das Massnahmenzentrum Kalchrain. (Bild: Nana do Carmo)

Christine Luley

frauenfeld

@thurgauerzeitung.ch

Zwei junge Männer mit angenehmen Umgangsformen helfen ihrem Chef bei der Auslieferung eines Tisches. «Aha, das sind junge Straftäter, die im Mass­nahmenzentrum eine Lehre machen», denkt der Kunde. Er kennt Kalchrain und seinen Hintergrund und hat darum dort bestellt. Sein Interesse, noch mehr über den Ausbildungsort zu erfahren, ist geweckt.

Bei einem Besuch in der Werkstatt zeigt Walter Fischer Schränke, Tische, Stühle, Anrichten, eine Ofenbank und eine Kinderwiege. «Auf Wunsch fertigen wir auch andere Möbel an», sagt der Leiter des Ausbildungsbetriebes und fügt hinzu, dass die Schreinerei einen Teil der Betriebskosten selbst erwirtschaftet. «80 Prozent der Arbeiten sind externe Aufträge und wichtig für eine praxisnahe Schreinerlehre.»

Im vierten Jahr extern lernen

Gemeinsam mit Thomas Badertscher und Dominic Romer bildet Fischer fünf Lehrlinge aus. Patrick* ist einer davon. Der 25-Jährige muss für das vierte Lehrjahr einen externen Lehrbetrieb finden, denn seine Massnahme läuft aus. Fischer verweist auf das Stufenkonzept der sozialpädagogisch-therapeutischen Einrichtung. Darum kann ein neuer Bewohner erst nach gut acht Monaten mit seiner Lehre beginnen. Auch Michael* ist über seine Zukunft im Ungewissen. Er hat im März die zweijährige Schreinerlehre EBA abgeschlossen. Während der Ausbildungszeit hat er eine Ausweisungsverfügung erhalten und muss das Land verlassen. «Aber er hat ein eidgenössisches Berufsattest und kann damit eine Existenz aufbauen», sagt Fischer.

Der Resozialisierungsaufenthalt in Kalchrain beginnt mit der Unterbringung in der geschlossenen Abteilung und endet mit dem externen Wohnen. Die Klienten sind junge Männer, die aufgrund eines Gerichtsurteils wegen Drogendelikten, bewaffnetem Raubüberfall bis hin zum Tötungsdelikt eingewiesen werden. In der ersten Phase wird der neue Bewohner in der geschlossenen Abklärungswerkstatt in der Holz- und Metallbearbeitung angeleitet. Nach drei Monaten wechselt er in den offenen Vollzug und lernt in einem Arbeitstraining in der Landwirtschaft, den Alltag besser zu bewältigen. Dazu gehören auch kleine Dinge wie frühes Aufstehen und die Verantwortung für kleine Aufgaben, etwa Hühner füttern.

Die Fähigkeiten, Leistungen und Wunschvorstellungen des Bewerbers nach einem Schnuppereinsatz in drei Betrieben sind für die Berufswahl ausschlaggebend. Das Massnahmenzentrum bietet Ausbildungen in elf Berufen an, zum Beispiel Koch, Gärtner, Maler und Schlosser. «Bis vor ein paar Jahren stand der Werkplatz Garage ganz oben auf der Wunschliste», bemerkt Fischer. Heute sei es ausgeglichener.

Die Schreiner-Berufsbildner legen grossen Wert auf das Einhalten der Sicherheitsvorschriften. Bei der Breitbandschleif­maschine ist zu lesen: «Wir überprüfen zuerst, ob die richtigen Schleifbänder eingespannt sind. Den vorhandenen höheren Hebel für den Druckschuh dementsprechend einstellen.» Bevor Auszubildende die Maschinen bedienen dürfen, muss der Sicherheitscheck bestätigt werden.

Bessere Leistung, längere Ferien

Einmal im Monat werden die Lehrlinge vom Lehrmeister und vom Sozialpädagogen beurteilt. Fischer erwähnt, dass die Note Einfluss auf das Arbeitsentgelt hat. Ein Teil davon geht als Startkapital für die Zeit nach der Entlassung auf ein Sperrkonto. Mehr Leistung wird finanziell belohnt und ist urlaubsrelevant. Bei Ungenügen kann ein freies Wochenende gestrichen werden.

«Die arbeiten da so ein wenig»: Kommentare wie diesen weist Fischer zurück. «Wir bilden Lehrlinge aus, die marktfähig sind. Das ist ein Beitrag an die Gesellschaft.» Klar könne man sich mehr Zeit nehmen. Doch oft seien die kognitiven Fähigkeiten nicht so ausgeprägt und die Leistung nicht stabil, darum sei für die Ausbildner die stete Motivation der Lehrlinge ein Schwerpunkt ihrer Arbeit. Als geglücktes Beispiel kommt die Rede auf einen jungen Mann, der die vierjährige Schreinerlehre mit einer guten Note abgeschlossen hat und heute in einem Betrieb im Thurgau arbeitet.

* Name der Redaktion bekannt