JUNGSTEINZEIT: Eine Spur führt zu den Pfahlbauern

Das aus den mysteriösen Steinhaufen auf dem Grund des Bodensees geborgene Holz ist von der ETH auf rund 3500 Jahre vor Christus datiert worden. Wie die Hügel entstanden sind, bleibt weiterhin ein Rätsel.

Silvan Meile
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Das Thurgauer Amt für Archäologie versucht beim Rätsel um die Steinhaufen auf dem Seegrund Licht ins Dunkle zu bringen. (Bild: Ralph Ribi)

Das Thurgauer Amt für Archäologie versucht beim Rätsel um die Steinhaufen auf dem Seegrund Licht ins Dunkle zu bringen. (Bild: Ralph Ribi)

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

Was haben wohl die Pfahlbauer da gemacht? Zu ihnen führt eine erste Spur im Rätsel um die mysteriösen Steinhügel auf dem Grund des Bodensees entlang des Ufers von Romanshorn bis Bottighofen. Denn das Alter von Holzstücken, die Taucher in einzelnen Steinhaufen fanden, sind nun an der ETH Zürich mit modernsten Verfahren bestimmt und der Jungsteinzeit zugeordnet worden.

Ungewöhnlicher Ort für Hinweise auf Pfahlbauer

Die Resultate aus Zürich erstaunen: Zwei Stücke konserviertes Eschenholz, die in einem von Tauchern untersuchten Hügel gefunden wurden, stammen aus der Jungsteinzeit. «Sie müssen mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 3650 und 3350 vor Christus geschlagen worden sein», sagt der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem. Sein Amt gab die Untersuchungen in Auftrag. Brem zeigt sich überrascht, ausserhalb bekannter Siedlungen der damaligen Zeit so altes Holz gefunden zu haben. Gleichzeitig sind aber auch Hölzer aus andern Zeitepochen gefunden worden, etwa ein Erlenpfählchen aus dem 19. Jahrhundert nach Christus.

Bei der Einordnung der Funde lehnt sich der Kantonsarchäologe nicht weit aus dem Fenster: «Ein konstruktiver Zusammenhang zwischen den Steinschüttungen und den Hölzern konnte nicht festgestellt werden», sagt er. Das heisst, es kann nicht gesagt werden, ob zuerst das Holz aus der Jungsteinzeit oder die Steinhaufen den Weg auf den Grund des Sees fanden. Oder ob es allenfalls tatsächlich gleichzeitig geschah.

Um dieser Frage weiter nachzugehen, brauche es weitere Holzproben und Altersbestimmungen. Gesichert sein dürfte aber die Erkenntnis, dass sich der Wasserspiegel des Bodensees in den vergangenen zehntausend Jahren nicht derart weit absenkte, dass die Hügel während dieser Zeit jemals im Trockenen lagen.

Bei neuster Vermessung des Seegrunds entdeckt

Im Herbst 2015 brachten Geo­logen des deutschen Forschungsinstituts Langenargen die Überraschung zu Tage. Mit hochmoderner Technik hatten sie den Grund des Bodensees neu vermessen. Dabei stiessen sie auf regelmässig angeordnete Hügel auf dem Seegrund. Diese befinden sich in rund fünf Metern Tiefe auf einer Länge von knapp 20 Kilometern zwischen Romanshorn und Bottighofen, rund 250 Meter vom Ufer entfernt. Die Hügel bestehen aus gleichmässigen Steinbrocken, sind rund zwei Meter hoch und haben einen Durchmesser von etwa zwanzig Metern. Die Wissenschafter stehen seit dieser Entdeckung vor einem Rätsel: Sind diese Hügel natürlich oder durch Menschenhand entstanden? Und zu welchem Zweck hätten sie angelegt werden sollen?

Die nun bekannt gewordene Altersbestimmung des rund 5500 Jahre alten Holzes verweist zwar auf die Pfahlbauer. Es könnte möglicherweise in einer Installation für Fischfang eingesetzt worden sein, sagt Brem. Dass Pfahlbauer für die vielen Steinhaufen unter Wasser über diese grosse Distanz verantwortlich sind, dürfte hingegen unwahrscheinlich sein. «Im Moment ist das Rätsel um die Hügel – menschliches Bauwerk oder eine Laune der Natur – nicht gelöst», sagt Brem. «Auch wenn die Hypothese Menschenwerk derzeit wohl die besseren Karten hat.» Dass die Steinhaufen einst vom Rheingletscher so aufgeschüttet wurden, würden Gletscherforscher eher verneinen.