Jungbürger verzweifelt gesucht

Curling, Fussball oder Kartbahn: Trotz attraktiver Programme bleiben die 18-Jährigen den Jungbürgerfeiern fern. Rickenbach verzichtet deshalb auf den Anlass. Sirnach versucht neu, die Jungen per WhatsApp zu mobilisieren.

Inge Staub
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Bischofszells alt Stadtammann Josef Mattle (zweiter von rechts) wagte sich im Herbst 2013 mit Jungbürgern in Weinfelden aufs Eis. (Archivbild: Rudolf Steiner)

Bischofszells alt Stadtammann Josef Mattle (zweiter von rechts) wagte sich im Herbst 2013 mit Jungbürgern in Weinfelden aufs Eis. (Archivbild: Rudolf Steiner)

FRAUENFELD. 135 junge Männer und Frauen erhielten im vergangenen Jahr Post von der Stadt Amriswil. Die meisten dieser Briefe landeten im Altpapier. Nur 20 Personen freuten sich über die Einladung zur Jungbürgerfeier und meldeten sich an. Sie besichtigten die Feuerwehr, pflanzten ihren Jungbürgerbaum und drehten anschliessend auf der Kartbahn in Sulgen schnelle Runden. «Den Teilnehmern hat es gefallen. Doch die Beteiligung ist unbefriedigend», sagt Mediensprecher Roger Häni.

Dies erleben auch andere Gemeinden so. Kradolf-Schönenberg hatte 26 Jungbürger angeschrieben. Im Dancing Klein Rigi fanden sich nur drei Frauen und drei Männer ein. Dozwil sagte die geplante Feier ab, weil sich keiner angemeldet hatte. Auch Rickenbach erhielt keine Zusagen. Der Gemeinderat beschloss deshalb, bis auf weiteres kein Volljährigkeitsfest mehr durchzuführen.

Bowling und Curling

Woran liegt es, dass sich junge Männer und Frauen nicht für Jungbürgerfeiern interessieren? Sind diese nicht mehr zeitgemäss? Haben die Jungen keinen Bock darauf, sich Reden anzuhören? «An unserer Feier gibt es nicht nur Ansprachen», sagt Adrian Gut, Gemeindeschreiber in Dozwil. Die Gemeinde versuche, den Jugendlichen etwas zu bieten, das ihnen Spass mache. Der Anlass werde beispielsweise mit einem Besuch in der Bowling-Bahn verbunden. Auch andere Gemeinden bemühen sich um ein attraktives Programm: Die Bischofszeller Gemeinderäte wagen sich mit den Jungen beim Curling aufs Eis, und die Rickenbacher fieberten im Fussballstadion mit.

Nadja Stricker, Gemeindeschreiberin in Rickenbach, geht davon aus, dass es nicht am Programm liegt, dass die Jungen nicht kommen. «Es liegt an der Gruppendynamik», sagt sie. Wenn einer der eingeladenen Jugendlichen seine Kollegen mobilisiere, dann seien Jungbürgerfeiern besser besucht.

«Es gibt heute so viele Reize für die Jungen. Sie können unter so vielen Möglichkeiten wählen, wie sie ihre Freizeit gestalten wollen», nennt Adrian Gut als Grund für das mangelnde Interesse der Jugendlichen. «Sie schauen deshalb eine Jungbürgerfeier nicht unbedingt als das Wichtigste an.»

Junge fordern Junge auf

Auch in Sirnach sind im vergangenen Jahr nur wenige gekommen. «Diese führten jedoch eine gute Diskussion», sagt Gemeindeschreiber Roland Toleti. Im Anschluss dachte die Gemeindeverwaltung darüber nach, wie sie mehr Junge für die Feier gewinnen könnte. Roland Toleti übertrug den Lehrlingen ein Projekt. Sie sollen ihre Generation mittels modernen Medien wie SMS oder WhatsApp für eine Teilnahme mobilisieren – gemäss dem Motto: «Junge fordern Junge auf».

Zufrieden mit der Beteiligung an der Jungbürgerfeier ist Weinfelden. Im vergangenen Jahr nahmen von 100 Eingeladenen 64 teil. «Das sind zwei Drittel, das ist ein guter Rücklauf», findet Gemeinderat Valentin Hasler. Er glaubt, dass in Weinfelden das Programm zieht. Nach einem offiziellen Teil, an dem der Gemeindepräsident und ein Jungpolitiker kurze Reden halten, werden ein Essen und ein Besuch im Kino geboten. Der Clou an der Sache: Den Jungbürgern wird stets ein Premierenbesuch offeriert. Zuletzt fesselte James Bond die 18-Jährigen an die Kinosessel. «Das kommt an», betont Hasler. Er hat festgestellt, dass zwei Dinge wichtig sind. Zum einen wollten die Jungen unterhalten werden, zum anderen würden sie es schätzen, wenn sie Gelegenheit hätten, sich auszutauschen. Auch in den Jahren zuvor konnte Weinfelden über die Zahl der jungen Gäste nicht klagen. Und dies, obwohl der Alkoholkonsum reglementiert ist. Gratis wird Alkohol nur zum Apéro ausgeschenkt.

Valentin Hasler ist überzeugt, dass die Jungbürgerfeier eine gute Sache ist. Nach ihrem 18. Geburtstag hätten die Jungen immer wieder mit der Gemeinde zu tun. Die Feier biete ihnen die Möglichkeit, die Gemeinderäte kennenzulernen, Nützliches über ihren Wohnort und ihre politischen Rechte zu erfahren.

Easy Vote statt Feier

Auch der Rickenbacher Gemeinderat findet es wichtig, dass die Jungen über ihre politischen Rechte aufgeklärt werden. Da diese nicht zur Jungbürgerfeier kommen, schenkt die Gemeinde nun jedem Jungbürger ein Jahr lang ein Abonnement von Easy Vote. Diese Plattform informiert Junge in einer einfachen Sprache über die aktuellen eidgenössischen Abstimmungsthemen.

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