Jung, talentiert - und depressiv

FRAUENFELD. Depressionen haben nicht nur Menschen ab 40 Jahren: In den beiden Psychiatrischen Kliniken im Thurgau werden immer mehr junge Erwachsene wegen dieser Erkrankung behandelt. In Littenheid suchten deswegen in diesem Jahr bereits 300 junge Frauen und Männer Hilfe.

Inge Staub
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Traurig und müde: Diese junge Frau leidet an einer Depression. Sie hält sich im Garten der Psychiatrischen Klinik Clienia in Littenheid auf. (Bild: Andrea Stalder)

Traurig und müde: Diese junge Frau leidet an einer Depression. Sie hält sich im Garten der Psychiatrischen Klinik Clienia in Littenheid auf. (Bild: Andrea Stalder)

Ein Passagier stürzte während eines Fluges im Gang. Seither macht sich die 25jährige Flugbegleiterin deswegen Vorwürfe. Die Thurgauerin ist immer müde, kann kaum noch schlafen. Sie empfindet keine Freude mehr, und ist überwiegend sehr traurig. «Ich habe keine Energie, weder um zur Arbeit zu gehen, noch um den Haushalt zu erledigen», sagt sie.

Die Externen Psychiatrischen Dienste in Frauenfeld der Clienia Littenheid AG überweisen die 25-Jährige an die Klinik in Littenheid. Dort begegnet sie Gleichaltrigen, denen es genauso geht wie ihr: sie haben Depressionen. Litten früher vor allem die über 40-Jährigen an Depressionen, so erhält heute die Gruppe der 18- bis 30-Jährigen am häufigsten diese Diagnose.

In diesem Jahr behandelten die Ärztinnen, Ärzte und Psychologen in Littenheid bereits 300 Frauen und Männer dieser Altersgruppe, die Depressionen hatten. Vor sechs Jahren waren es noch 88 Personen im ganzen Jahr.

Familien brechen auseinander

Zahlen von 2014 belegen, dass die beiden Psychiatrischen Kliniken im Thurgau jährlich einige hundert junge Erwachsene betreuen: In Littenheid waren es 500 und in Münsterlingen 400 (im Vorjahr 352). Die Gruppe der 21- bis 30-Jährigen ist die grösste Gruppe unter allen Patienten, die 2014 in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen stationär aufgenommen wurden. Bernhard Grimmer leitete von 2008 bis 2015 die Psychotherapiestation für junge Erwachsene. In dieser Zeit war die Station immer voll belegt. «Die allermeisten Patienten zeigten eine depressive Symptomatik», sagt der Leitende Psychologe.

Sie sollten fürs Studium büffeln oder sich beim Einstieg in ihren Beruf bewähren, stattdessen fallen immer mehr junge Menschen – vor allem junge Frauen – aus, weil sie depressiv sind. Dr. med. Silke Bachmann, Professorin und Ärztliche Direktorin der Klinik Clienia, nennt hierfür mehrere Gründe. Zum einen würden Depressionen zunehmend von Betroffenen, Angehörigen und Hausärzten als Erkrankung wahrgenommen. Zum anderen hätten sich die Lebensumstände gewaltig geändert. Junge Menschen stünden heute unter grösserem Druck als früher. «Die Anforderungen in Studium und Beruf sind höher geworden, gleichzeitig brechen Familien auseinander, Bindungen sind unbeständiger.»

Silke Bachmann stellt fest, dass es im Leben der jüngeren Generation kaum noch feste Strukturen gibt. «Leider merken sie nicht, dass sie diese brauchten.» Zum Stolperstein wird auch, dass es heute weniger klare Lebenswege gibt. Der Sohn eines Bäckers wird nicht mehr wie seine Vorfahren ebenfalls Bäcker. Den erlernten Beruf kann man nicht mehr bis zur Pension beibehalten. «Klare Lebenswege gibt es heute nicht mehr», sagt Bruno Rhiner, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst Thurgau in Münsterlingen. «Die Menschen müssen sich ständig auf Neues einstellen und flexibel bleiben.»

Depressionen haben gute Heilungschancen. Sie werden in der Regel mit Psychotherapie und Antidepressiva behandelt. Bei schweren Depressionen ist eine stationäre Betreuung notwendig. In den beiden Psychiatrischen Kliniken im Thurgau werden die Therapien jeweils auf den individuellen Fall abgestimmt. Oft wird die Depression von einer weiteren Erkrankung wie einer Essstörung begleitet.

Je früher, desto besser

«Je eher eine Depression erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen», sagt Silke Bachmann. Dem pflichtet Bruno Rhiner bei. Er weist darauf hin, dass Depressionen teilweise schon im Jugendalter beginnen und erst später diagnostiziert werden. Wie Rhiner sagt, nehmen Erschöpfungsdepressionen zu, auch bei Thurgauer Kindern und Jugendlichen. Der Leistungsdruck beginne bereits in der Schulzeit. «Eltern wissen um die Bedeutung einer gelungenen Schulbildung, aber einige Kinder und Jugendliche schaffen es nicht, den Ansprüchen gerecht zu werden», sagt Rhiner. Kinder, denen heutzutage viel geboten wird, müssten lernen, Frust auszuhalten und Durchhaltevermögen zu zeigen.

Gelingt es nicht, Kinder auf einem stabilen Boden ins Leben zu schicken, besteht die Gefahr, dass sie später erkranken. Laut WHO werden Depressionen bis 2020 weltweit auf Rang zwei der häufigsten Krankheiten liegen, nach den Herzkrankheiten.