Journalistische Zumutungen

Fünf hervorragende Medienarbeiten aus der Region wurden gestern mit dem Ostschweizer Medienpreis 2015 ausgezeichnet. Sie zeichnen sich in allen Kategorien durch geduldige Recherchen und behutsame Erzählweisen aus.

Marcel Elsener
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ST. GALLEN. Guter Journalismus kann einem dieser Tage vorkommen wie das Dorf der Gallier von Asterix: Alles hoffnungslos umzingelt, nicht von machtgierigen Römern, aber von tempoversessenen Online-Textverarbeitern und -Unterhaltern. Die lenken mit schmackhaften Häppchen ein gefrässiges Publikum vom relevanten Journalismus ab. Haarsträubendes Mainstream-Entertainment, für das SRF-Kommunikationschef Iso Rechsteiner jüngst Beispiele zusammengetragen hat: «Das Bachelorette-Bullshit-Bingo.» «So trinkst du dir die Kuppelshow schön.» «Jetzt kommt Tittygram.» Und so weiter lauten die Schlagzeilen.

Umso besser, dass es Gegenbewegungen für qualitativ hochstehenden Journalismus gibt – «Journalismus, der genau hinschaut, differenziert, Kontext schafft», wie Rechsteiner als Stiftungspräsident des Ostschweizer Medienpreises in der Broschüre 2015 vermerkt.

Mut zu Relevanz und Wert

Am längst nicht neuen Befund über den Niedergang des Journalismus in «schwierigen Zeiten» mochte sich Rechsteiner gestern in seiner Rede im Pfalzkeller nicht aufhalten. Vielmehr lieferte er Zuspruch und gab den Medienleuten drei Ermunterungen auf den Weg: In der laufenden Beschleunigung seien «Bremsmanöver einzuplanen», weil Medienarbeiten wohl schnell, aber auch «wahr und richtig» sein müssten. Zweitens sollten Journalisten den Mut haben, relevant zu sein: «Wer Wichtiges von Unwichtigem trennen kann, hat schon gewonnen.» Schliesslich dürfe man bei aller eingeforderten Teilhabe des Publikums «keine Angst haben, Grenzen zu ziehen». Journalisten müssten «mithelfen, eine «werthaltige Kultur zu entwickeln».

Rechsteiners Ermunterungen waren an dieser 16. Ostschweizer Medienpreis-Verleihung die perfekte Einleitung für die ausgezeichneten Arbeiten. Nicht umsonst fielen bei allen Jury-Ehrungen Wörter wie behutsam, geduldig, feinsinnig, vielstimmig. Hinzu kommt, wie die Dankesreden der Preisträger besagten, mit Blick auf die Produktion eine wichtige Voraussetzung für werthaltige Medienarbeit: Teamarbeit. Journalismus ist nur noch ganz selten Einzelkämpfertum. Und für gute Arbeiten gilt es, Fallen zu vermeiden, den Verlockungen schriller Zuspitzungen zwecks billigen Applauses zu widerstehen.

Verständnis für alle Seiten

Was im Fall der beiden (Print-)Texte von Thomas Wunderlin und Andri Rostetter vorbildhaft geleistet wurde. Wunderlins Recherche in der Thurgauer Zeitung über die Hintergründe des nie publizierten Grundstückskaufs von Rennfahrer Vettel wäre «normalerweise ein gefundenes Fressen für Medienleute», stellt die Jury fest. Der erfahrene Thurgau-Redaktor appelliere jedoch nicht an die Empörung, sondern erzähle seine Geschichte «Eine diskrete Ausnahme für Vettel» so unaufgeregt und mit feiner Ironie, wie es der Titel besagt.

An die Fakten hält sich auch die beklemmende Reportage «Cindy erzählt hässliche Dinge» von Andri Rostetter, Tagblatt-Ressortleiter Ostschweiz, über den Fall eines Praktikanten einer Kinderkrippe, der in den Verdacht gerät, ein Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Die Stärke seines zweiseitigen Textes in der «Ostschweiz am Sonntag», für den er sich – Geduld! – zwei Monate Zeit nahm, sei der Verzicht auf Wertungen, meint die Jury. Rostetters «gesellschaftlich hoch relevante, brillant komponierte» Reportage ist vielstimmig und weckt «Verständnis für alle Seiten: die Krippe, die Justiz, die Eltern.»

Viel Einfühlungsvermögen brauchte der Tagblatt-Fotograf Urs Bucher für seine präzisen Bilder einer unglaublichen dramatischen Erfahrung. Sie illustrieren – in der «Ostschweiz am Sonntag» – mit «stiller Gelassenheit und doch ins Auge stechend» den Text (von Brigitte Schmid-Gugler) über einen erblindeten Mann, der dank eines transplantierten Zahnes 60 Prozent seiner Sehfähigkeit zurückgewonnen hat. Präzis, behutsam, eigenwillig gestaltet auch die prämierten Beiträge von Radio und Fernsehen: Philipp Inauens – erstes längeres – Radio-Feature «Von der Suche nach dem idealen Hackbrett-Klang» (SRF1) verleite «zum intensiven Hinhören und entführt elegant in eine unbekannte Welt», lobt die Jury. Alex Tobischs (Tele Südostschweiz) TV-Dokfilm über schauerliche Vorgänge im Hotel des Val Sinestra spielt geschickt mit Horrormotiven aus «The Shining», dient jedoch uneitel der Informationsvermittlung.

Samt und sonders Zumutungen im besten Sinn, die den Journalisten Geduld abverlangten und dem Publikum etwas zutrauen – eben trauen, vertrauen.

Medienpreis-Broschüre kostenlos erhältlich bei der Stiftung Ostschweizer Medienpreis, Postfach, 9001 St. Gallen. Im Internet unter www.medienpreis-ostschweiz.ch